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Aktuelles (Pressemitteilungen)

Luther auf der Couch?

20.03.2017

Die Persönlichkeit des Reformators aus psychiatrischer Perspektive: Die Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychiatrie Weilmünster widmete Martin Luther eine Fortbildungsveranstaltung.

Im Jubiläumsjahr der Reformation intensiviert sich die Beschäftigung mit Martin Luther. Zu den bekannten Fakten gesellt sich manch neue Betrachtung aus ungewohntem Blickwinkel. Die Vitos Klinik in Weilmünster fügte nun die psychiatrische Perspektive hinzu. Gibt es eine Diagnose für den großen Kirchenmann? „Nein“, stellte PD Dr. Peter M. Wehmeier direkt zu Anfang seines Vortrages fest. Er ginge keineswegs darum, Luther zu psychiatrisieren oder ihm eine Diagnose zu unterstellen. Er möchte ihn nicht in „Kategorien stecken“, sondern „Dimensionen seiner Persönlichkeit aufdecken“. Dazu betrachtete der stellvertretende Klinikdirektor Luther im Licht moderner Persönlichkeitstheorien und eröffnete den Zuhörern, welche Persönlichkeitseigenschaften zu entdecken sind.

Unzählige Persönlichkeitstheorien

Als Grundlage für seine Erörterungen vermittelte Wehmeier zunächst einen kleinen Einblick in die Entwicklung der Persönlichkeitstheorien. Die Beschäftigung damit scheint fast so alt zu sein wie die Menschheitsgeschichte. Entsprechend gibt es eine große Vielfalt an Theorien, die von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit entstanden sind. Bei aller Verschiedenheit ist augenfällig, so Wehmeier, dass die meisten Theorien multifaktorielle Theorien sind. Sie gehen von einer wünschenswerten Balance zwischen verschiedenen Faktoren aus und setzen Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Faktoren voraus.

Das „Fünf-Faktoren-Modell“

In den modernen Forschungsansätzen hat die Persönlichkeit des Menschen stets mehrere Eigenschaften oder Facetten. Auf der Vorstellung einer mehrdimensionalen Persönlichkeit beruhen fast alle Theorien der empirischen Psychologie. Die verschiedenen Dimensionen wirken aufeinander ein, beeinflussen Verhaltensweisen und ergeben kombiniert mit erblichen Einfluss und individueller Lebenserfahrung eine unverwechselbare Persönlichkeit. Das „Fünf-Faktoren-Modell“ nimmt fünf großen Persönlichkeitsdimensionen an: Neurotizismus (emotionale Instabilität), Extraversion (nach Außen gewandte Haltung), Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit.

Wehmeier ist überzeugt, dass sich in Luthers Persönlichkeit alle diese Dimensionen in besonders starker Ausprägung finden lassen. Der Psychiater beschreibt, dass Luther aus seiner unerschütterlichen Glaubensgewissheit heraus über eine große Offenheit für Erfahrungen verfügte. Er war extrovertiert, ein großer Kommunikator mit beeindruckender Sprachgewalt, wie die überlieferten Predigten und Tischreden zeigen. Die Nächstenliebe war Luther außerordentlich wichtig, so wie die Hinwendung zu Jesus Christus. Mit Weggefährten ging er allerdings wenig zimperlich um, er hat verbal mächtig ausgeteilt und sich mit vielen überworfen. Auffällig sind seine ausgeprägten Stimmungsschwankungen, die sicherlich zum Teil auch auf seine Gewissensbisse zurückzuführen sind, denn für Luther spielte das Gewissen eine große Rolle.

Innere Zerrissenheit und Widersprüche

Ins Auge fallen dem Referenten die widersprüchlichen Charaktereigenschaften Luthers, die teils unversöhnlich nebeneinander bestanden haben und sein Denken und Handeln in unterschiedliche Richtung beeinflussten. Innere Zerrissenheit und scheinbar unüberbrückbare Widersprüche sieht Wehmeier als Kennzeichen der Persönlichkeit des Reformators. Das Gefühl, existentiell ausgeliefert zu sein, bestand neben dem Gefühl, in Gott geborgen zu sein. Das Gefühl der Unsicherheit und Bedrohung bestand neben der Erlösungsgewissheit. Zu den problematischen Charaktereigenschaften zählt seine Unfähigkeit zum Dialog mit Andersdenkenden. Luthers Umgang mit Freunden und Weggefährten scheint geprägt gewesen zu sein, was nach heutiger psychologischer Terminologie vielleicht als ein „narzisstischer“ Beziehungsstil bezeichnet werden kann. Kompromisslosigkeit und Freund-Feind-Denken gehören zu den Merkmalen. Demgegenüber stehen positive Eigenschaften. Er verfügte über eine außerordentliche Offenheit, Entschiedenheit, Ethik der Besitzlosigkeit und trat ein für den bedingungslosen Widerstand gegen das Böse.

Wehmeier zählt die Widersprüchlichkeit zu den grundlegenden Wesenszügen des Reformators. Dahinter kann sich Unsicherheit verbergen oder auch ein Zeichen für Vielfalt stehen. Vielfalt wiederum bringt Freiheit mit sich. Luther propagierte absolute Gewissensfreiheit und hat diese Freiheit eindrucksvoll vorgelebt. Das verdient, davon ist Wehmeier überzeugt, trotz aller höchst problematischen Aspekte seiner Persönlichkeit – großen Respekt.