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Die NS-Zeit in Haina

Erste Anzeichen für eine Verschlechterung der Situation der Hainaer Patienten war die kontinuierliche Kürzung der Pflegesätze, die eine Reduzierung der Verköstigung zur Folge hatte. Auch in Haina wurden ab 1934 Patienten zwangssterilisiert. Ab 1937 stieg die durchschnittliche Belegungsstärke der Heilanstalt von 800 auf etwa 1200 Personen an. Ursache dafür waren sogenannte Wirtschaftlichkeitsprüfungen der Anstalten, die ergaben, man könne noch mehr Menschen auf noch engerem Raum unterbringen, damit alle Kapazitäten ausgelastet wären. So wurden immer mehr Pfleglinge aus kirchlichen Anstalten wie dem St. Antoniusheim aus Bethel und Hephata bei Treysa zwangsweise nach Haina verlegt. Das Personal wurde nicht verstärkt - im Gegenteil, mit Kriegsbeginn wurden viele Pfleger eingezogen.

Für das Reservelazarett standen zwischen 300 und 600 Betten zur Verfügung. Ab 1937 lebten Patientinnen aus Merxhausen als Arbeitskräfte für die Hauswirtschaft in Haina, auch männliche Häftlinge aus der Korrigenden- und Landarmenanstalt Breitenau wurden zur Arbeit eingesetzt. Die Patienten lagen in Doppelstockbetten auf Strohsäcken, was die hygienischen Bedingungen erheblich verschlechterte.

Das Durchschnittsgewicht der Patienten sank von 62,5 kg (1937) auf 58,1 kg (1943). Eine Verschärfung der Situation für die Patienten trat mit der Einrichtung eines Lazaretts in Haina ein. (Ebenso wie im Ersten Weltkrieg wurden auch im Zweiten Weltkrieg Betten für Kriegsverletzte freigemacht und die Anstaltsinsassen auf engerem Raum untergebracht.) Besonders in harten Wintern kam es zu Ernährungsengpässen und die Kranken starben vermehrt an Erkältungskrankheiten und Marasmus. Die durchschnittliche Todesrate von vier Prozent in den Vorkriegsjahren stieg ab 1939 an, Höhepunkte waren in den Jahren 1940 (13,8%), 1944 (11,4%) und 1945 (17%). Noch höhere Todesraten von bis zu 30% Sterbefälle pro Jahr gab es z.B. in der Landesheilanstalt Merxhausen und von 40% in der südhessischen Landesheilanstalt Weilmünster.

Die "Euthanasie"-Aktion erreichte Haina 1940. Die Meldebögen mußten in kürzester Zeit ausgefüllt werden. Abgefragt wurde neben persönlichen Daten zum Patienten auch die "Heilbarkeit" der Krankheit und die "Arbeitsfähigkeit". In der Planungszentrale in Berlin werteten sogenannte Gutachter die Bögen aus. Die als unheilbar und wenig arbeitsfähig eingestuften Patienten kamen auf eine Transportliste. Im Frühjahr 1941 wurden 434 Hainaer Patienten in die Zwischenanstalten Idstein und Weilmünster verlegt. Kurz darauf wurden 411 Patienten in Bussen in die Tötungsanstalt Hadamar überführt. Ärzte ermordeten die Menschen in der Regel noch am gleichen Tag in einer als Duschraum getarnten Gaskammer. In der Tötungsanstalt Hadamar starben 1941 über 10.000 psychische Kranke und geistig Behinderte durch Gas. Den Angehörigen wurden falsche Todesursachen, -zeiten und -orte mitgeteilt. Die Leichen verbrannten die Täter sofort in Krematorien. Von 1942-1945 tötete das Personal der Landesheilanstalt Hadamar nochmals fast 5000 Menschen mit Giftinjektionen. Heute erinnert im psychiatrischen Krankenhaus Hadamar eine Gedenkstätte mit Dokumentation an die Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen.

Alle jüdischen Patienten aus Haina - insgesamt 30 - waren schon im September 1940 abgeholt und in eine Sammelanstalt in Gießen gebracht worden.  Von hier wurden sie nach Brandenburg weiterverlegt und ermordet. Von den in Haina unter härtesten Bedingungen verbliebenen Patienten waren auch solche, die nach dem §42 StGB eingewiesen worden waren. Das hieß, sie hatten Straftaten begangen und waren als unzurechnungsfähig erklärt worden. Auch diese wurden in ein KZ verlegt. Zwei überlebten in Mauthausen,  die anderen Männer sind wahrscheinlich im KZ umgekommen. Nur von einigen ist das Todesdatum gewiß.

Mit dem Kriegsende im Mai 1945 endeten in Deutschland die "Euthanasie"-Morde. Fast aus jeder Anstalt waren Patienten ermordet worden. Viele Psychiatrien hatten als Mordstätten mit Gas oder Giftinjektionen fungiert. Die übrigen Heil- und Pflegeanstalten waren heruntergekommen, die Kranken unterernährt und verwahrlost, das Personal z.T. verroht oder am Krankenmord beteiligt gewesen. Auch in Haina dauerte es noch bis zum Anfang der 50er Jahre, bis die hohe Sterblichkeit unter den Patienten nach und nach zurückging.

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