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05. Januar 2022
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Chronische Rückenschmerzen

Interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie: Langfristige Hilfe für Betroffene

Dr. Andreas Böger© Vitos
Dr. Andreas Böger

Mit chronische Rückenschmerzen kennt sich Dr. Andreas Böger aus. Und was noch wichtiger ist: Der Chefarzt des Schmerzzentrums Kassel weiß, wie man sie effektiv und langfristig behandelt. Der überregional anerkannte Schmerzmediziner ist Facharzt für Neurologie und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit den Zusatzbezeichnungen Spezielle Schmerztherapie, Akupunktur und Manuelle Medizin/Chirotherapie. Im Interview erklärt er, wie die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie chronische Rückenleiden lindern kann und für wen sie geeignet ist.

Rückenschmerzen haben die meisten Menschen früher oder später einmal. Aber warum wird ein Schmerz chronisch und ab wann spricht man von chronischen Schmerzen?

Dr. Andreas Böger: Warum ein Schmerz chronisch wird, ist Gegenstand der Schmerzforschung. Bei einigen Menschen verschwinden akute Schmerzen, bei anderen werden sie zu einem dauerhaften Begleiter. Die Zeitgrenze für chronische Schmerzen liegt etwa zwischen drei und sechs Monaten. Man weiß, dass Probleme am Arbeitsplatz oder in der Beziehung eine Chronifizierung genauso begünstigen, wie Depression und Angststörungen.

Welcher chronische Schmerz ist in Deutschland der verbreitetste?

Dr. Andreas Böger: Mit großem Abstand der Rückenschmerz, aber auch der Kopfschmerz, hier vor allem die Migräne.

Was sind komorbide psychische Erkrankungen und inwieweit sind chronische Rückenschmerzpatienten davon betroffen?

Dr. Andreas Böger: Mehr als die Hälfte der Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen leiden auch an Depression, Angst und Schlafstörungen. Bei einigen waren diese Störungen schon vor den Schmerzen vorhanden, andere werden durch die langdauernden Schmerzzustände „mürbe“. Psychische Störungen sind der größte Chronifzierungsfaktor für Rückenschmerzen, das zeigen alle orthopädischen Studien.

Oft hört man von chronischen Schmerzpatienten, dass sie eine ganze Odyssee hinter sich haben, von einem Experten zum anderen geschickt wurden und doch keine adäquate Hilfe bekommen. Warum ist das so?

Dr. Andreas Böger: Unser Gesundheitswesen ist auf die Behandlung akuter Beschwerden ausgerichtet. Für chronische Beschwerden gibt es keine ausreichende Struktur. Das gilt gerade auch für die Therapie langdauernder Schmerzen. Darüber hinaus kennen viele Menschen – auch Ärztinnen und Ärzte –  die Möglichkeiten der ganzheitlichen interdisziplinären Schmerztherapie noch nicht und verwechseln sie mit der Palliativmedizin.

Welche Rolle kann in diesem Zusammenhang die Kommunikation mit einem Behandler/einer Behandlerin spielen (Stichwort Noceboeffekt)?

Dr. Andreas Böger: Wichtig ist natürlich eine wertschätzende Kommunikation. Aber es sollten auch einzelne Puzzleteile, wie zum Beispiel bildgebende Befunde, im Gespräch nicht überbewertet werden. Ich erlebe immer wieder, dass beispielweise ein Radiologe dem Patienten nach der Kernspintomographie sagt, sein Rücken sei „ein Trümmerhaufen“. Das ist ein typischer Nocebo-Effekt, der später kaum zu korrigieren ist.

Was versteht man unter einer interdisziplinären multimodalen Schmerztherapie?

Dr. Andreas Böger: Unter diesem Begriff versteht man die gleichzeitige intensive Einzel- und Gruppentherapie eines Patienten mit chronischen Schmerzen durch speziell geschulte Ärzte, Psychologen, Physiotherapeuten und Pflegekräfte in einem gemeinsamen Konzept und in enger Absprache.

Wie grenzt sich die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie von einer ambulanten oder teilstationären Reha ab?

Dr. Andreas Böger: Eine Rehabilitation hat einen anderen Ansatz und auch eine andere Klientel, zum Beispiel operierte Patienten oder Patienten, die einen Rentenantrag gestellt haben. Eine Rehabilitation ist auch deutlich weniger personalintensiv. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort sind auch nicht auf die Behandlung chronischer Schmerzen spezialisiert.

Welche Vorteile bietet die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie?

Dr. Andreas Böger: In einem vergleichsweise kurzen Zeitraum können wir den Umgang mit Schmerzen völlig verändern. Die Patientinnen und Patienten lernen, mit ihren Schmerzen aktiv umzugehen und weniger Medikamente und weniger Therapeuten in Anspruch zu nehmen. Im Vordergrund steht vor allem die langfristige Verringerung der Schmerzen. Gleichwohl empfinden viele Patienten schon während der gut zweiwöchigen Therapie eine mindestens fünfzigprozentige Linderung ihrer Beschwerden. Studien haben gezeigt, dass die Effekte lange anhalten. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet das mehr Lebensqualität. Für das Gesundheitssystem lässt sich so langfristig viel Geld sparen.

Warum ist die multimodale Schmerztherapie im ambulanten Setting so schwer umzusetzen?

Dr. Andreas Böger: Es gibt ein über den Berufsverband der Schmerztherapeuten mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ausgearbeitetes Konzept, an welchem ich mitgearbeitet habe. Das Konzept beschreibt eine ambulante multimodale Schmerztherapie, die berufsbegleitend einmal in der Woche über zum Beispiel acht Wochen durchgeführt wird. Die Politik hat das Konzept bislang leider noch nicht aufgegriffen und unterstützt. Bis dahin gibt es weder die Struktur noch die Bezahlung dafür.

Welche Rolle spielt die Motivation der Patient/-innen in Bezug auf die Erfolgsaussichten der Therapie?

Dr. Andreas Böger: Die Motivation zu Veränderung und zu mehr Aktivität ist eine unabdingbare Voraussetzung für die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie. Daher untersuchen wir in der Regel jeden Patienten, der stationär zu uns kommen möchte, vorab und prüfen dessen Motivation.

Welche Anlaufstellen gibt es für chronische Schmerzpatient/-innen, die eine interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie beginnen möchten?

Dr. Andreas Böger: Man kann sich direkt an die Schmerztherapeuten in unseren Medizinischen Versorgungszentren (Vitos MVZ) wenden. In dringenden Fällen können niedergelassene Ärzte den Patienten mittels einer Checkliste schneller anmelden.

Da es sich um eine Therapie in einem Akutkrankenhaus handelt, muss die Krankenkasse im Vorhinein nichts bewilligen. Natürlich wird man eine solche Therapie erst in Erwägung ziehen, wenn die ambulanten Maßnahmen, wie Krankengymnastik, Medikamente, Spritzen oder auch Operationen erfolglos geblieben sind. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz betragen aktuell drei bis fünf Monate.

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