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01. April 2026
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Forensische Psychiatrie als Prüfungsort: Vitos geht neue Wege in der Pflege-Ausbildung

Für Azubis an der Pflegeschule Bad Emstal erweitert sich das Spektrum

Vitos Nordhessen bietet seinen Pflegeschüler/-innen am Ende der dreijährigen Ausbildung eine Besonderheit: Sie können den praktischen Teil des Examens in der forensischen Psychiatrie absolvieren.

Was macht den Maßregelvollzug als Einsatzort besonders? Welche Anforderungen gelten dort? Und wie erleben Auszubildende die Arbeit auf den Stationen des gesicherten Therapiebereichs? – Der Beitrag zeigt, wie vielseitig die Pflege-Ausbildung in Bad Emstal ist und warum das Examen in der forensischen Psychiatrie eine echte Bereicherung sein kann.

Arbeiten in der Somatik und der Psychiatrie gehört für die angehenden Pflegefachfrauen und -männer der Vitos Schule für Gesundheitsberufe Bad Emstal von Anfang an zur Ausbildung dazu. Im Rahmen von freiwilligen Praxiseinsätzen können die Azubis auch die forensische Psychiatrie kennenlernen. Das Interesse an der Arbeit im Maßregelvollzug ist groß. Nun gibt es auch die Möglichkeit, das praktische Examen dort zu machen. Im Vergleich zu psychiatrischen Kliniken gibt es so manche Unterschiede. Der erste ist gleich am Eingang zur Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Bad Emstal zu spüren: Alle Mitarbeitenden müssen vor Dienstbeginn persönliche Gegenstände, wie ihr Handy, im Schließfach deponieren, da sie diese aus Sicherheitsgründen nicht mit in die Klinik nehmen dürfen. Ihren Einsatz absolvieren die Azubis hauptsächlich auf den Stationen des gesicherten Therapiebereichs, also in dem Bereich der Klinik, in dem die Patienten in Wohngruppen leben und behandelt werden. „Sie sind bei allen Aufgaben dabei, begleiten alles“, sagt Pierre Gisselmann. Er und Timo Lange kümmern sich als Praxisanleiter um die Auszubildenden. Da sie diese Aufgabe nicht hauptamtlich, sondern neben ihren Diensten auf Station übernehmen, begleiten auch alle anderen Mitarbeitenden aus der Pflege die Azubis. So ist stets sichergestellt, dass sich die Auszubildenen bei Fragen immer an einen erfahrenen Kollegen bzw. eine erfahrene Kollegin wenden kann.

Patient vor einer Krise bewahrt

Zu den Ausbildungsinhalten gehört beispielsweise das Medikamentenstellen. „Das ist ein elementar wichtiger Bestandteil der Ausbildung, das müssen die Azubis lernen“, betont Gisselmann. Unter Anleitung stellen die Nachwuchspflegekräfte die nötigen Medikamente für die Patienten der jeweiligen Station zusammen. Darüber hinaus sind die Pflege-Azubis in alle während der Behandlung wichtigen Bereiche eingebunden: So begleiten sie – stets zusammen mit einem/einer Pflege-Kolleg/-in – die Patienten durch den Alltag, beim Hofgang ebenso wie beim Zubereiten und Einnehmen der Mahlzeiten, informieren über Erkrankungen, vermitteln Infos für die Zeit nach der Klinik im Rahmen von Gruppenangeboten und dokumentieren ihre Arbeit. „Gesteuerte Selbstständigkeit“ nennt Timo Lange das. Läuft es gut, kann ein Azubi beispielsweise auch mal allein eine Mahlzeit in einer WG begleiten. „Neulich stand ein Patient am Rande einer Krise. In Absprache mit den anderen im Team hat sich dann ein Auszubildender Zeit genommen, um mit dem Patienten in Ruhe zu sprechen und mit ihm Karten zu spielen. Am Ende gab es keinen Grund mehr für eine Intervention, der Auszubildende konnte die Krise abwenden“, sagt Gisselmann.

„Sozialkompetenz ist eine wichtige Voraussetzung, um hier zu arbeiten“, betont Timo Lange. „Die Auszubildenden müssen sich abgrenzen können.“ Nicht jeder eignet sich für die Arbeit im Maßregelvollzug. Aus gutem Grund kommen die angehenden Pflegefachkräfte frühestens im zweiten Ausbildungsjahr für einen Einsatz in die forensische Psychiatrie. „Das Interesse an der Arbeit in unserer Klinik ist bei den Auszubildenden vorhanden. Bevor jemand aber zu uns kommt, schauen wir uns die Beweggründe und die Eignung an“, erklärt Pflegedirektor Christoph Ziegler. „Die Reife spielt eine wichtige Rolle.“

In der Schule für Gesundheitsberufe werden die angehenden Pflegefachkräfte gut vorbereitet für Arbeitseinsätze im Maßregelvollzug, unter anderem auch durch Christoph Ziegler selbst, der Unterrichtseinheiten in der Schule bietet. Rechtliche Grundlagen für die Einweisung sind dabei ebenso Thema wie juristische Aspekte, Behandlungsangebote, Suchterkrankungen, Pflegeprozess, Dokumentation und die professionelle Beziehungsgestaltung.

Drei Auszubildende haben 2025 erstmals die Chance genutzt und die praktische Abschlussprüfung in der Forensik absolviert. Die Patienten begleiten die Auszubildenden insgesamt und auch beim praktischen Examen durchaus mit echtem Interesse. „Das ist nicht selbstverständlich“, sagt Timo Lange. Das Interesse der Patienten hat auch Kimberly Scheffler wahrgenommen. Sie war eine der ersten, die die Examensmöglichkeit in der forensischen Psychiatrie ergriffen hat. 

Gruppe bereitet auf Entlassung vor

Für den praktischen Examensteil hat Scheffler unter anderem für die sogenannte „Back to life“-Gruppe das Thema Finanzen aufbereitet. In dieser Gruppe werden die Patienten auf ihre Zeit im offenen Therapiebereich bzw. auf die Zeit nach der Entlassung vorbereitet. An Schefflers Gruppe haben vier Männer der Station für junge Erwachsene teilgenommen. „Es ging darum, wie teuer das Leben draußen heutzutage ist“, erklärt Scheffler. Miete, Lebensmittel, Tanken, Versicherungen, Kleidung, Handy… Alle Daten und Zahlen hatte Scheffler im Vorfeld selbst recherchiert, auch geübt hatte sie die Runde schon mit den Patienten. „Die Patienten haben gut mitgemacht, sie wollten mich gern bei der Prüfung unterstützen“, sagt sie. Praxisanleiter Timo Lange und Sabine Philipp, stellvertretende Leiterin der Schule für Gesundheitsberufe, waren als Prüfer am Examenstag dabei und haben das Agieren von Kimberly Scheffler beobachtet und bewertet.

Ein weiterer Aspekt der Prüfung war ein Beratungsgespräch für einen Patienten, der eine Herzklappe bekommen hat. Scheffler kannte diese Aufgabe vorher nicht. Sie musste zunächst die Pflegeplanung schreiben, konnte dafür im Krankenhausinformationssystem (KIS) recherchieren, auch Kolleg/-innen und Patienten befragen. Dieses Beratungsgespräch und die Planung dazu wurden ebenfalls bewertet.  Für sie ist die Examensprüfung gut gelaufen, sie hat bestanden – und ist in der forensischen Klinik als Mitarbeiterin geblieben. Auf Station 5.2 gehört sie seit Oktober zum Team des Pflege- und Erziehungsdienstes. Auf dieser Station sind Adoleszenten, also junge Erwachsene ab 18 Jahre, untergebracht.

Für weiteren Nachwuchs in der Pflege – nicht nur für die forensische Klinik – wird weiterhin an der Vitos Schule für Gesundheitsberufe in Bad Emstal gesorgt. Dort werden Pflegefachfrauen und -männer ausbegildet, ebenso Krankenpflegehelfer/-innen. Dass die Forensik auch Thema im Unterricht ist, ist für die Schulleitung selbstverständlich: „Wir wollen für unsere Auszubildenden eine qualitativ gute Ausbildung anbieten, in der sie ein breit gefächertes Angebot kennenlernen können“, betont Schulleiterin Uta Hofmann. Die freiwilligen Arbeitseinsätze im Maßregelvollzug sind ab der zweiten Ausbildungshälfte möglich. Und nun gibt es zudem eben auch die Möglichkeit, das Examen der dreijährigen Ausbildung in der forensischen Klinik zu absolvieren.

Uta Hofmann und ihre Stellvertreterin Sabine Philipp hatten beim Hessischen Landesamt für Gesundheit und Pflege angefragt, ob es die Möglichkeit gibt, die praktische Abschlussprüfung in der Forensik zu absolvieren. Die positive Rückmeldung kam schnell. Voraussetzungen waren: „Die Praxisanleitung muss nach Paragraph 4 der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung sichergestellt sein und der auszubildenden Person sollen ausschließlich Aufgaben übertragen werden, die ihrem Ausbildungsstand angemessen sind“, erklärt Sabine Philipp. Die Kriterien sind erfüllt – damit bietet die Schule Interessierten einen weiteren Grund, sich für die Ausbildung zu bewerben.

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