
Kinderrechte in der Jugendhilfe
Mitreden. Mitgestalten. Mitbestimmen.
© VitosBei allen Fragen, die sie selbst betreffen, haben Kinder das Recht, gehört zu werden und mitzureden. Das gilt auch und vor allem in schwierigen Lebensphasen, in denen sie Hilfe und Unterstützung benötigen. Bei Vitos Teilhabe wird dieses Recht täglich gelebt, zum Beispiel in den Tagesgruppen. In diesen Einrichtungen werden Heranwachsende tagsüber nach der Schule betreut, abends und an den Wochenenden gehen sie wieder zu ihren Familien nach Hause. Wie genau die Mitbestimmung in den Tagesgruppen aussieht, schildern wir in diesem Beitrag.
Lukas ist zwölf Jahre alt und besucht die Tagesgruppe in Idstein. Neben der intensiven Familienarbeit unterstützt die Tagesgruppe Lukas auch bei den Hausaufgaben. Allein: Lukas schafft es aktuell noch nicht, seine Hausaufgaben im Blick zu haben. Er vergisst häufig Hefte und Bücher, die er für den Unterricht bräuchte, weiß auch nicht, wann in welchem Fach eine Arbeit geschrieben wird und wie er sich darauf vorbereiten soll. Im Hilfeplan hat das Jugendamt gemeinsam mit ihm festgelegt, dass die „schulische Stabilität“ von Lukas gefördert werden muss.
Schulische Stabilität: Das wünschen sich alle Beteiligten für Lukas. Aber das Ziel ist ganz schön abstrakt, vor allem, wenn es um einen Zwölfjährigen geht, der sich darunter nicht viel vorstellen kann. Was also tun? – In den Einrichtungen der Vitos Jugendhilfe ist klar: Bei allen Fragen, die die jungen Klientinnen und Klienten betreffen, müssen diese einbezogen werden. Letztlich geht es ohne ihre Mitarbeit auch gar nicht. Aber dafür müssen die Kinder und Jugendlichen auch erst einmal verstehen, um was es konkret geht. Und welche Schritte es geben könnte, um ein Ziel zu erreichen.
© VitosNicht nur bei den Zielen, sondern auch auf dem Weg dorthin ist Partizipation das Stichwort. Die Kinder und Jugendlichen werden beteiligt, wenn es darum geht, wie ihre Hilfepläne umgesetzt werden können. Wie das gelingen kann, hat sich das Kinder- und Jugendparlament (KiJuPa) der Vitos Jugendhilfe überlegt. In das Parlament haben Kinder und Jugendliche aus allen Einrichtungen der Vitos Jugendhilfe einen Vertreter bzw. eine Vertreterin plus Stellvertreter bzw. Stellvertreterin entsendet. In regelmäßigen Abständen, in der Regel also alle vier Wochen, kommt das KiJuPa zusammen und beratschlagt über die Themen, die sie betreffen. Sie bringen dort ihre Interessen und Ideen ein, gestalten Projekte und treffen gemeinsam Entscheidungen. So werden wichtige Themen nicht von Erwachsenen allein entschieden, sondern partizipativ mit den Kindern entwickelt. Das KiJuPa ist dabei ein zentraler Ort der Selbstwirksamkeit, an dem Kinder lernen, dass ihre Stimme zählt – egal ob im Alltag oder bei größeren Entscheidungen.
Die Lösung, die das KiJuPa für die Konkretisierung der Hilfepläne gefunden hat, heißt: Verstärkerpläne. Das ist ein persönlicher Plan mit drei selbst gewählten Zielen, der aus dem offiziellen Hilfeplan vom Jugendamt abgeleitet ist. Die Heranwachsenden erarbeiten die Verstärkerpläne gemeinsam mit ihren jeweiligen Erzieherinnen und Erziehern. Dabei gilt: Deine Ziele stehen im Mittelpunkt. Du machst Deinen Plan selbst. Es geht nur mit Dir.
„Früher haben wir die Pläne einfach gemacht. Jetzt haben wir sie mit den Kindern entwickelt – das macht einen riesigen Unterschied“, sagt Kerstin Kleemann, Teamleiterin der Tagesgruppe und KiJuPa-Beraterin.
Lukas und seine Erzieherin haben nicht lange gebraucht, um seinen Verstärkerplan zu machen. Dem Zwölfjährigen war nämlich ziemlich schnell klar: Damit er in der Schule einigermaßen mitkommt, muss er zunächst einmal wissen, was überhaupt zu tun ist. Deshalb steht nun auf seinem Verstärkerplan: „Ich schreibe meine Hausaufgaben in mein Hausaufgabenheft“. Ein sehr greifbares Ziel, finden Lukas und seine Erzieherin.
„In den Tagesgruppen ist es natürlich eine Herausforderung, gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen darauf zu achten, dass die Ziele nicht aus dem Blick geraten“, sagt David Sochor, Bereichsleiter der Tagesgruppen und flexiblen Hilfen. Denn anders als in einem stationären Setting, zum Beispiel einer Wohngruppe, findet die pädagogische Arbeit hier zeitlich sehr begrenzt und intensiv statt, meist nur am Nachmittag. Das bedeutet, dass alle Prozesse wie Zielvereinbarung, Reflexion und Förderung kompakt und effektiv gestaltet werden müssen, damit die Kinder in der kurzen Zeit echte Fortschritte erleben können.
Auch dafür hat das KiJuPa eine Lösung gefunden: Neben der täglichen Reflektion am Nachmittag, finden regelmäßig die so genannten Oasengespräche statt. In einem Setting, das Geborgenheit vermittelt, – daher auch „Oase“ – reflektiert jedes Kind gemeinsam mit seinem Erzieher bzw. seiner Erzieherin. In den Gesprächen bewerten die Kinder selbst, wie gut sie ihr Ziel erreicht haben, und erhalten Feedback von ihren Bezugspersonen. Dabei geht es nicht um Bewertung im klassischen Sinn, sondern um Wachstum, Übung und Motivation. Kinder erfahren so täglich, dass ihre Meinung und ihr Einsatz zählt, und sie werden aktiv in ihre eigene Hilfe- und Erziehungsplanung eingebunden. Neben dem Erleben von Selbstwirksamkeit und der Reduzierung von Ohnmachtsmomenten, erlernen sie, Verantwortung für ihre eigenen Schritte zu übernehmen.
Lukas ist noch ein Stück davon entfernt, „schulische Stabilität“ zu erlangen. Aber er ist auf einem guten Weg. „Ich versuche, jeden Tag ein bisschen an meinen Zielen zu arbeiten und das macht richtig Spaß“, sagt er.
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