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28. Januar 2026
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Longevity: Schmerzfrei leben und alt werden

Schmerzmediziner Dr. Andreas Böger zu wirksamen Mitteln, um die gesunde Lebenszeit zu verlängern

Dr. med. Andreas Böger© Vitos Orthopädische Klinik Kassel

Der Traum, gesund, schmerzfrei und vital ein hohes Alter zu erreichen, ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. In den Medien erlebt diese Idealvorstellung gerade einen Hype. „Longevity“, englisch für Langlebigkeit, ist der passende Lifestyle-Begriff, der sich etabliert hat. Doch was steckt hinter der Selbstoptimierung? Nur eine Marketing-Blase, die die Angst vor Krankheit und Tod besonders geschickt ins Gegenteil verkehrt hat? Oder gibt es wirksame Mittel, mit deren Hilfe wir nachweislich gesund alt werden? Dr. med. Andreas Böger, Chefarzt im Schmerzzentrum der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel, erläutert im Interview, wie wir unsere gesunde Lebenszeit verlängern können.

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“ – sagen betagte Menschen häufig. Was macht das Altwerden so beschwerlich?

Dr. Andreas Böger: Im Alter treten oft Krankheiten auf, die die Lebensqualität erheblich beinträchtigen. Schmerzen bestimmen den Alltag, Beweglichkeit und Wohlempfinden sind eingeschränkt, Gedächtnis und Reaktionsfähigkeit lassen nach. Es läuft einfach nicht mehr alles wie von selbst.

Auf welchen Gebieten können wir beeinflussen, wie wir altern?

Dr. Böger: Da gibt es viele. Ernährung ist ein ganz wichtiger Punkt. Unsere Schmerzpatientinnen und -patienten lernen zum Beispiel, welche Lebensmittel entzündungshemmend wirken und welche den Schmerz eher verstärken. Kurz gesagt ist die Empfehlung hier, auf Zucker und Süßstoffe zu verzichten, viel Gemüse – je bunter desto besser – zu essen und sich „fettschlau“ zu ernähren, also gute Fette zu bevorzugen, wie sie etwa in Oliven-, Lein- und Walnussöl, Nüssen, Samen und fettem Fisch stecken. Auch hochverarbeitete Lebensmittel mit vielen Zusatzstoffen sind keine gute Wahl, wenn wir fit und schmerzfrei altern wollen; ebenso wenig empfiehlt sich ein Dasein als Coach-Potato.

Was spricht denn eigentlich gegen das entspannte Altern vom Sofa aus?

Dr. Böger: Je älter wir werden, desto mehr nutzt sich unser Körper ab. Der Verschleiß nimmt einfach zu, das ist beim Menschen nicht anders als beim Auto. Die Faszien verkleben, und dem Körper fehlen die antientzündlichen Botenstoffe Myokine und Exosomen, die beim aeroben Training freigesetzt werden. Zudem verlieren wir alle zehn Jahre drei bis fünf Prozent an Muskelmasse. Das alles verursacht oft Schmerzen. Das muss uns aber keine Angst machen, denn da können wir mit regelmäßigem Training von Kraft und Ausdauer gut gegensteuern – heißt aber: Wir müssen aktiv werden.

Muss es unbedingt die Muckibude sein?

Dr. Böger: Am besten ist eine Mischung aus Koordinationstraining, Muskelaufbau und Dehnung. Und da muss sich jeder selbst seinen Cocktail mixen – die Auswahl ist groß. Es ist uns schon mal viel geholfen, wenn wir einen Sport finden, der uns wirklich richtig Spaß macht. Ich zum Beispiel mache regelmäßig Gymnastik und Qi Gong, fahre so oft es geht Rad. Ganz besonders viel Freude entwickele ich beim Karate und beim Standard-Tanz. Da muss ich erst gar keinen inneren Schweinehund überwinden.

Was können wir mental tun, um geistig fit zu bleiben?

Dr. Böger: Es gibt den Spruch: Das Herz benötigt Flüssigkeit, die Lunge Luft und das Gehirn Veränderungen. Wir sollten unter Menschen gehen, Anregungen bekommen, etwas Neues lernen.

Welche Rolle spielt die Psyche für das gesunde Altern?

Dr. Böger: Wer lange Schmerzen hat, kann depressiv werden. Umgekehrt wissen wir, dass Depression und eine negative Grundeinstellung Entzündungen im Körper fördern und damit Schmerzen verursachen und Gelenkverschleiß verschlimmern. Also müssen wir auch hier ansetzen mit der Schmerzpsychotherapie in unserem Schmerzzentrum.

Können wir wirklich so viel Einfluss auf unseren Alterungsprozess nehmen? Oder hängt nicht doch viel von den Genen ab?

Dr. Böger: Natürlich spielt die Genetik auch eine Rolle, aber der deutlich größere Anteil ist noch immer unser „Lifestyle“. Studien zeigen übrigens, dass der Lebensstil zwischen 40 und 50 entscheidend fürs gesunde Altern ist. In diesem Lebensalter kann man noch sehr gut umsteuern, also die Sünden aus dem jüngeren Leben bis zu einem gewissen Grad kompensieren.

Und danach? Alles zu spät?

Dr. Böger: Nein, es ist nie zu spät, um mit den Vorbereitungen für ein gesundes Altern zu beginnen. Auch für Ü-50er, -60er, -70er macht es natürlich großen Sinn, mit dem Rauchen aufzuhören oder dem Walken anzufangen. Aber am besten ist einfach, man startet sofort!

Chronische Schmerzen gehören zu den größten Plagen im Alter. Wie nehmen Sie als Schmerzmediziner die Entwicklung bei Thema Alter und Schmerzen wahr?

Dr. Böger: Die Menschen sind heute im Alter generell aktiver als vor einigen Jahrzehnten, und Schmerzen werden nicht mehr als „normal“ hingenommen. Sie wollen schmerzfrei in Urlaub fahren, Sport treiben und teilweise auch noch arbeiten.

Was kann die Schmerzmedizin tun, um die gesunde Lebenszeit zu verlängern?

Dr. Böger: Erstmal kann sie dem Patienten aus der passiven Opferrolle heraushelfen. Wer gesund, schmerzfrei und vital sehr alt werden will, der muss dafür etwas tun. Im Schmerzzentrum Kassel erklären wir, wie das geht. Wir machen eine präzise Diagnostik und bieten eine Therapie bei allen langdauernden Schmerzen im Bewegungsapparat sowie bei Nerven- und Kopfschmerzen. Unser Kasseler Aktiv Programm umfasst sowohl alle Möglichkeiten der konventionellen Medizin als auch zusätzlich die Osteopathie und die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Physiotherapie, Qi Gong und Yoga, Ernährungsberatung, Mikronährstoffe, psychologische Maßnahmen und die Verbesserung des Schlafes sind einzelne Bausteine der Therapie. Ein großes Feld, in dem ich viel Potenzial sehe, ist auch die moderne regenerative Medizin.

Was bedeutet regenerative Medizin?

Dr. Böger: Sie zielt darauf ab, körpereigene Reparaturprozesse zu fördern, anstatt nur Symptome zu lindern. In unserer Klinik bieten wir Therapien an, bei denen der Körper sich selbst dabei hilft, die Gelenk- und Nervenfunktionen wiederherzustellen. Spezielle Akupunktur bringt schon seit 2000 Jahren den Körper in die Selbstregulation, die Axomera-Therapie arbeitet wie das Wundertier Axolotl mit fein dosierten bioelektrischen Impulsen, die gezielt Heilungsprozesse im Gewebe anregen. Auch die Injektion von aufbereitetem Eigenblut in betroffene Gelenke kann viel bewirken.

Wie kann Eigenblut eingesetzt werden?

Dr. Böger: Bei Eigenbluttherapien werden im entnommenen Venenblut des Patienten antientzündliche Botenstoffe angereichert und dann in den Körper zurückinjiziert, um die natürliche Heilung und Regeneration zu fördern. Mein Kollege im Vitos MVZ Kassel, Dr. Marcel Lind, setzt die PRP-Therapie bei orthopädischen Problemen wie Arthrose erfolgreich ein. Dabei wird aus dem eigenen Blut des Patienten ein plättchenreiches Plasma gewonnen, das reich an Wachstumsfaktoren ist. Eine andere Form, die ganz erstaunliche Ergebnisse zeigt, ist die Orthokin-Therapie. Hier wird aus dem eigenen Blut ein aufbereitetes Serum gewonnen, das reich an entzündungshemmenden und gewebeaufbauenden Proteinen ist. Das aufbereitete Serum wird ebenfalls direkt in das betroffene Gelenk des Patienten injiziert und kann dort Entzündungen reduzieren, Schmerzen lindern und Knorpelanbau fördern.

Unsere Körper werden immer älter, oft lässt aber die Lebensqualität stark nach, beispielsweise durch Schmerzen oder Demenz. Sind wir vielleicht doch nicht dafür gemacht, uralt zu werden?

Dr. Böger: Es gibt ja die sogenannten „Blue Zones“, Regionen, in denen die Menschen nicht nur sehr alt werden, sondern auch gesund bleiben. Vor allem vier Regionen sind dabei im Fokus der Wissenschaft: die südjapanische Insel Okinawa, die Inseln Sardinien und Ikaria im Mittelmeer und Nicoya in Costa Rica. Den Menschen dort ist gemein, dass sie sich gesund ernähren, viel bewegen, einen starken sozialen Zusammenhalt, wenig Zivilisationsstress und bis ins hohe Alter eine Aufgabe haben. Also, es scheint schon möglich zu sein. Da kann man sich viel abschauen.

Gibt es auch kritische Aspekte am Longevity-Trend?

Dr. Böger: Wenn man von „Longevity-Kliniken“ liest, könnte man den Eindruck bekommen, dass das eine Medizin für Reiche ist. Grundsätzlich kann aber jeder kostengünstig die wichtigsten Tipps und Tricks umsetzen. Und natürlich darf der Trend zur Selbstoptimierung nicht ins Extreme kippen, denn dann kann er zu einem neuen Stress-Faktor werden, der wiederum die Lebensqualität negativ beeinflusst und uns unter Druck setzt.

Zur Person:

Dr. med. Andreas Böger© Vitos Orthopädische Klinik Kassel

Dr. Andreas Böger ist Facharzt für Neurologie sowie Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Sein Fokus liegt auf der Interdisziplinären Multimodalen Schmerztherapie für Rücken-, Kopf- und Nervenschmerzen, für die er mit seinem Team das Kasseler Aktiv Programm (KAP) entwickelt hat. Sein Forschungsschwerpunkt sind Chronische Kopfschmerzen und das Komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS/Morbus Sudeck).

An der Vitos Orthopädischen Klinik ist er Chefarzt des Schmerzzentrums, also der dortigen Fachabteilung für Schmerzmedizin, Manuelle Therapie und Naturheilverfahren. 

Mehr Infos zum Schmerzzentrum und zur dortigen Behandlung gibt es hier

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