
Medienkompetenz stärken
Wie Kinder und Jugendliche Social Media sinnvoll nutzen lernen
© VitosSocial Media sinnvoll nutzen, statt blind zu scrollen – das ist der Ansatz von John Anglin. Deshalb hat er an der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg eine Medienkompetenzgruppe für junge Patient/-innen ins Leben gerufen.
„Social Media bietet viel Potenzial. Dieses Potenzial wird aber bisher so gut wie gar nicht genutzt“, sagt John Anglin. Er ist pflegerische Teamleitung auf Station 15B, einer Kinderstation der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg. Während seines berufsbegleitenden Studiums „Psychiatric Nursing“ hat er ein Konzept für eine Medienkompetenzgruppe entwickelt und umgesetzt. Deren Wirkung auf die Teilnehmenden hat er in seiner Bachelorarbeit untersucht und festgestellt: Wer mehr über Social Media und seine Mechanismen weiß, kann seinen Konsum bewusster steuern – mit positiven Effekten auf Stimmung, Schlafqualität und Selbstwertgefühl.
Herr Anglin, was ist das Problem mit Social Media?
John Anglin: Fast alle Patient/-innen in unserer Klinik haben einen extrem hohen Medienkonsum. Wenn es nur vier Stunden am Tag sind, ist das wenig. Viele hängen acht bis – im Extremfall – zwölf Stunden vor dem Smartphone. Und gerade die Altersgruppe zwischen 10 und 14 Jahren konsumiert völlig blind. Es herrscht Desinformation und ein Wissen, das oft auf Fake News basiert. Die Fähigkeit, Probleme zu lösen und kritisch zu denken, geht verloren. In der Klinik kommen die Kinder und Jugendlichen teils mit jeder kleinen Schwierigkeit zu uns, ohne selbst über eine Lösung nachzudenken.
Ist ein zu hoher und unreflektierter Medienkonsum Ursache für psychische Probleme wie Depressionen oder Ängste?
J. Anglin: So pauschal kann man das nicht sagen, Social Media ist nicht verantwortlich für alles. Klar ist aber: Es kann ein Verstärker für bestimmte Symptomatiken sein. Manche entwickeln durch das stundenlange passive Scrollen (Doomscrolling) allein in ihrem Zimmer eine regelrechte Sozialphobie. Es fällt ihnen dann schwer, im echten Leben auf Menschen zuzugehen. Zudem fördert Social Media eine kurze Aufmerksamkeitsspanne – diese liegt bei Shorts, Reels und Tiktoks bei ca. 40 Sekunden. Wenn der Kopf daran gewöhnt ist, fällt die konzentrierte Vorbereitung auf die Mathearbeit natürlich schwer. Und Probleme in der Schule sind eine sehr häufige Symptomatik in unserer Klinik.
Erschwerend hinzu kommt: In den sozialen Medien herrscht eine Highlight-Gesellschaft. Ich sehe andauernd Influencer mit ihren dicken Autos oder das exquisite Mittagessen im Edelrestaurant. Damit wird mir Tag für Tag suggeriert: Deren Leben ist viel toller als meins. Aber es hat eben nicht jeder die Möglichkeit, handgepflückte Avocados zu essen.
Wie kann eine Medienkompetenzgruppe da helfen?
J. Anglin: Der erste Teil der Gruppe besteht daraus, zu erkennen, wie soziale Medien funktionieren. Es geht nicht um mich als Person, sondern um Reichweite und Werbeeinnahmen. Das Ziel ist immer: „Bleib am Bildschirm.“ Und das erreicht man natürlich mit emotionalen Headlines oder übertriebenen und KI-generierten Inhalten, die mit dem wahren Leben oft nichts zu tun haben. Das muss einem bewusst sein.
Dann lernen die Teilnehmenden in der Gruppe, die Dauer und Art ihres Konsums kritisch zu hinterfragen. Viele sind überrascht, wenn sie sehen, wie wenig Zeit Ihnen am Tag für Dinge außerhalb des Bildschirms bleibt. Wir haben Module zu KI, Fake News oder zu Suchtmechanismen. Und wir vermitteln, welche sozialen Medien es eigentlich gibt – das sind nämlich sehr viel mehr als TikTok, Youtube oder Snapchat. Und viele davon kann man wunderbar für produktive Dinge nutzen, die die eigenen Interessen und die eigene Entwicklung fördern.
Beim Thema "Digitales-Ich" vermitteln wir außerdem Kompetenzen im Umgang mit Cybermobbing. Wir sprechen über Datenschutz, die Gefahr sexueller Übergriffe im Netz und erklären, welche Hilfestellungen es dazu bereits online gibt.
Das heißt: Es geht nicht nur darum, die Medienzeit zu reduzieren?
J. Anglin: Natürlich entwickeln wir in der Gruppe Ideen für alternative Aktivitäten. Das ist anfangs nicht immer leicht. Ein Teilnehmer konnte zum Beispiel mit dem Vorschlag „Radfahren“ gar nichts anfangen. Dann hat er gemerkt, dass es ihn interessiert, Fahrräder umzubauen und so seine individuelle Alternative gefunden.
Ich möchte den Kindern zeigen, dass jeder eigene Interessen und Talente hat, im besten Fall sogar eine Berufung. Soziale Medien können dabei helfen, Kompetenzen in diesen Bereichen zu entwickeln oder mit Interessengruppen in Kontakt zu kommen. Wenn ich am Ende meiner Mediennutzung eine Erkenntnis oder ein Produkt habe, dann macht mich das zufriedener. Das passiert beim passiven Scrollen nicht. Als ich die Gruppe zum ersten Mal durchgeführt habe, haben fast alle Teilnehmenden angegeben, dass es ihnen nach dem stundenlangen Doomscrolling schlechter geht. Einer hat es mit dem Satz auf den Punkt gebracht: „Ich fühle mich danach so leer.“
Gibt es die Medienkompetenzgruppe für alle Kinder und Jugendlichen in der Marburger Klinik?
J. Anglin: Wir haben auf unserer Kinderstation 15B damit begonnen und sammeln jetzt erst einmal Erfahrungen. Perspektivisch kann die Gruppe auf andere Stationen ausgeweitet werden. In der Kinder- und Jugendklinik gibt es einen ziemlich restriktiven Umgang mit dem Handy. Die Patient/-innen dürfen es nicht die ganze Zeit bei sich haben, weil das für die Therapie oft hinderlich ist. Meine Idee ist es, mittelfristig eine Art Handyführerschein einzuführen. Dann dürfte das Handy länger genutzt werden, wenn die Medienkompetenz dafür da ist. Den Medienkonsum einfach zu verteufeln, ist nicht die Lösung, denn er gehört zum Leben dazu. Aber man muss ihn immer wieder kritisch hinterfragen.
Hintergrund: Die Wirkung der Medienkompetenzgruppe
In seiner Bachelorarbeit „Auswirkungen einer pflegerisch geleiteten Medienkompetenzgruppe auf jugendliche Patienten während der tagesklinischen Behandlung in der Psychiatrie“ hat John Anglin 2025 die Wirkung seines Gruppenkonzepts untersucht. Teilnehmende waren jugendliche Patient/-innen an der Vitos Kinder- und Jugendtagesklinik in Alsfeld. Sie wurden vor und nach der mehrwöchigen Gruppe zu ihre Medienkonsum und ihrem psychischen Befinden befragt. Das Ergebnis: Bei allen verbesserte sich das individuelle Stressgefühl wie auch die Schlafqualität. Sie gaben zudem an, ihren Medienkonsum besser steuern und bewusster Pausen einlegen zu können. Das Gefühl, dass soziale Medien den eigenen Selbstwert reduzieren, sank ebenso wie das negative Vergleichen mit anderen durch Social-Media-Posts. John Anglins Bachelor-Arbeit erhielt eine Auszeichnung für ihre praxisnahe Thematik.
Hier gibt´s weitere Informationen zur Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg
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