
Musiktherapie im Maßregelvollzug
Wenn Töne beim Heilen helfen
Ein helles „Rrrrring“ erklingt, als Johannes Kühn über die kleinen silbernen Zähne des Daumenklaviers streicht. „Hör mal, da kommt das direkt am Anfang.“ Kühn spielt die Aufnahme ab, ein sanftes Lied mit melodischen Gesangslinien. Die Besonderheit: Es sind die Stimmen von Patientinnen und Patienten der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie (KFP) Gießen. In der Musiktherapie nehmen sie Lieder auf – aber nicht nur.
Johannes Kühn, genannt Hannes, ist seit eineinhalb Jahren Musiktherapeut in der Gießener Klinik. Der gelernte Toningenieur und Multiinstrumentalist musiziert jede Woche mit Patient/-innen. Manchmal entspannen sie zu live erzeugten Klängen. Andere profitieren mehr davon, wenn sie selbst musizieren. Wieder anderen ist die Erfahrung in der Gruppe wichtig. „Das hängt ganz von den Leuten ab, die kommen“, sagt Johannes Kühn.
Besonders die Chorgruppen seien beliebt, in denen die Teilnehmenden belgeitet von Gitarre, Klavier und Schlagzeug zusammen Stücke singen. „Wir haben sehr viele Leute, die in der Kindheit schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben und seitdem traumatisiert sind“, sagt der Therapeut. „Da helfen positive Gruppenerfahrungen, der Zusammenhalt, Vertrauen zu Menschen zu schöpfen. Anderen hilft es, Ruhe zu finden.“ Neben dem Gesangsgruppen gibt es auch Instrumentalensembles mit unterschiedlichen Musikinstrumenten, die in der Therapie genutzt und ausprobiert werden können.
Musiktherapie im Maßregelvollzug – Fast alle, die damit anfangen, bleiben dabei
Johannes Kühn weiß, wie gut Musik tut. Er ist mit ihr aufgewachsen, studierte nach der Schule Musikwissenschaften, Musikpädagogik und Psychologie, arbeitete als Tontechniker und baute sein eigenes Studio auf. Daneben tourte er als professioneller Schlagzeuger mit Popbands durch Deutschland, komponierte zudem Musik für Filme und Theaterstücke, arbeitet aber auch schon lange pädagogisch. „Diese Erfahrungen spielen hier mit ein.“ Gebürtig stammt Johannes Kühn aus Heidelberg, sein Studium führte den heute 43-Jährigen erst nach Hamburg, schließlich nach Gießen.
In seinem Studio produziert er heute vor allem elektronische Musik. Eine Leidenschaft, die er seinen Patientinnen und Patienten weitergibt. „Die Leute sind in der Musiktherapie so lange, wie sie gerne möchten“, sagt er. „Manche kommen einmal die Woche, andere dreimal. Fast alle, die damit anfangen, bleiben dabei.“
Jede Patientin, jeder Patient sei anders, habe andere Bedürfnisse. „Wir schauen uns sehr genau an, wer was braucht“. Besonders Menschen, die mit Ängsten zu kämpfen haben, brauchten Entspannung – und das seien einige. „Manche Patient/-innen kommen nur in die Musiktherapie, weil andere Therapieformen sie noch überfordern“, sagt der 43-Jährige. Sie besuchen oft die Klangmassage, wo sie live Entspannungsmusik machen. „Manchen Patientinnen und Patienten hilft es schlicht, angstfreie Zeit zu bekommen.“
Die Musiktherapie kann Patient/-innen den Einstieg erleichtern, aus sich herauszugehen, auch anderen Menschen zu begegnen. „Zu lernen, sich anderen gegenüber zu öffnen, ist ein zentraler Bestandteil der forensischen Therapie. Hier kann Musik helfen.“ Und manche erhalten die Freude an der Musik auch über den Aufenthalt in der Klinik hinaus.
Einige Instrumente sind sogar eigens für die Musiktherapie gebaut worden: von den Patient/-innen in der Schreinerei und Schlosserei der Klinik. „Das hat wiederum den Vorteil, dass wir genau das bauen können, was wir brauchen“, sagt Johannes Kühn.
Er betont aber auch, dass die Musik alleine nur bedingt hilft. „Mit unserem multiprofessionellen Team tragen wir gemeinsam dazu bei, dass die Patientinnen und Patienten bei uns eine bestmögliche Therapie erfahren.“ Und dazu trägt die Musiktherapie bei.
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Chorproben sind unter den Patient/-innen besonders beliebt. Dabei entstehen auch Gesangsaufnahmen.

Am Computer werden verschiedene Tonspuren gemischt. Mithilfe der Patientinnen und Patienten erstellt Johannes Kühn Lieder.

Ein Teil der in der Musiktherapie genutzten Instrumente ist in den Werkstätten der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie hergestellt worden.

Johannes Kühn ist Musiktherapeut an der Vitos Klinik für forensische Psychiatrie Gießen. Der Multiinstrumentalist hat in der Vergangenheit unter anderem als professioneller Schlagzeuger gearbeitet.
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