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06. Mai 2026
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Postpartale Psychische Erkrankung

„Das Wochenbett ist für Frauen eine Lebensphase mit einem sehr hohen Risiko, depressiv zu erkranken“

© Vitos
Liebevoll eingerichtet: Vitos Klinik Bamberger Hof

Maike ist 34 Jahre alt. Sie ist Mutter einer zweijährigen Tochter, selbstständig und lebt in Frankfurt.  Nach der Geburt ihrer Tochter erkrankte Maike an einer postpartalen (von partus = Gebären/Entbindung) Depression und war Patientin der Vitos Eltern-Kind Tagesklinik in Frankfurt.

Heute geht es ihr gut – und sie möchte über diese prägende Zeit berichten. Ihr Anliegen: über eine Erkrankung aufklären, die sich oft ganz anders anfühlt als erwartet und noch immer mit vielen Tabus belegt ist. Zusammen mit ihrer ehemaligen Behandlerin Saskia Rekasi, Ärztin in der Eltern-Kind-Tagesklinik, berichtet sie von ihrer Behandlung, von ihren Symptomen und anfänglichen Zweifeln. Eine Botschaft ist beiden dabei besonders wichtig: Postpartale psychische Erkrankungen sind gut behandelbar und Betroffene sollten sich frühzeitig Hilfe suchen!

Liebe Maike, nehmen Sie uns mit zurück in die Zeit nach der Geburt Ihrer Tochter, als Sie merkten, dass etwas nicht stimmt. Wie ging es Ihnen damals?

Maike: Es war wenige Wochen nach der Geburt meiner Tochter, als ich angefangen habe, Symptome zu entwickeln, die mir Angst machten, weil weder ich noch meine Hebamme sie einordnen konnten. Eine postpartale Erkrankung entwickelt sich schleichend; am Anfang befindet sich wohl jede Frau in einer Ausnahmesituation, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem die Symptome in den Krankheitsbereich fallen. Bei mir war das relativ kurz nach der Geburt der Fall.

Welche Symptome waren das?

Maike: Ich hatte – wie ich im Nachhinein weiß – relativ typische Symptome einer postpartalen Depression. Was mir dabei aber wichtig ist zu erwähnen: diese Erkrankung hat sehr verschiedene Gesichter. Eine klassische Depression, bei der man keinen Antrieb hat und keine Freude empfindet, war bei mir nicht das Hauptsymptom. Ich hatte zunächst extremes Gedankenkreisen, war nervös, irgendwann panisch und habe zunehmend Zwangsgedanken entwickelt. Außerdem hatte ich teilweise Hemmungen vor zu intensiver Nähe zu meinem Kind, hatte große Angst, nicht selbstkontrolliert zu sein und dass deshalb meiner Tochter etwas zustößt. Das hat mich sehr erschreckt und belastet. Hätte ich eine Antriebsstörung gehabt, hätte ich vielleicht gedacht, ach ja, das sind diese Wochenbett-Depressionen, von denen alle sprechen. Aber dieses Gefühl, „verrückt geworden“ zu sein und nicht die erwarteten „Muttergefühle“ zu haben, war sehr beängstigend.

Saskia Rekasi: Die geschilderten Symptome sind relativ typisch. Wir sprechen deshalb auch eher von einem postpartalen Syndrom als von einer Depression. Die Frauen in der Peripartalzeit liegen häufig im Bett.. Sie haben eher eine agitierte , also von Unruhe geprägter Depression, Schlafstörungen, befinden sich in einem Hyperarousal,einem Zustand erhöhter innerer Anspannung. Grundsätzlich kann man festhalten, dass alle psychischen Störungen in der postpartalen Zeit nach denselben Kriterien diagnostiziert werden, wie in anderen Lebensphasen. Dennoch unterscheiden sich die Inhalte. Wir in der Eltern-Kind-Tagesklinik sehen sehr häufig Symptome wie Angst um die Gesundheit des Kindes, Überforderungserleben in der Mutterrolle, Zwänge und Zwangsgedanken z.B. mit gewalttätigen Inhalten gegenüber dem Kind. All diese Gedanken, nicht selten auch Flucht- oder Adoptionsphantasien, sind aber so extrem schambesetzt, dass man nie von anderen davon hört und deshalb auch nicht darüber spricht. In den ersten Gesprächen in unserer Sprechstunde fragen wir immer danach und viele Frauen berichten darüber. 

 

Maike, wann haben Sie sich Hilfe gesucht und wie leicht oder schwer war es, diese zu finden?

Maike: Durch meine Hebamme habe ich den Kontakt zu Vitos bekommen, wo ich auch sehr schnell einen Termin für die Akutsprechstunde (Peripartale Sprechstunde) bekommen habe. Dort wurden mir Behandlungsoptionen aufgezeigt und ich habe es als hilfreich empfunden, mit jemandem darüber sprechen zu können. Danach dachte ich mir aber, ok, das war es jetzt und jetzt wird es wieder besser.

Wurde es aber leider nicht. Die Lage hat sich innerhalb weniger Wochen zugespitzt und der Leidensdruck wurde immer größer, so dass ich wieder Kontakt zu Vitos aufgenommen habe und die Möglichkeit bekam, zusammen mit meiner Tochter teilstationär in der Eltern-Kind-Tagesklinik aufgenommen zu werden. Das habe ich dann angenommen – auch meine Familie hat mich zu diesem Schritt bestärkt, was mir sehr geholfen hat.

Wie schwer fiel Ihnen dieser Schritt?

Maike: Mit der Kontaktaufnahme in der Akutsprechstunde hatte ich gar keine Probleme, ich war einfach froh, eine professionelle Anlaufstelle zu haben, bei der ich meine Gedanken besprechen konnte. Der Gang in ein psychiatrisches Haus, und dann noch zusammen mit meinem Baby, das war sehr schwer. Da hat die gesellschaftliche Stigmatisierung doch sehr gegriffen, weil es eben kein „normaler“ Krankenhausaufenthalt ist.

Warum glauben Sie, gibt es diese Stigmatisierung und Tabus?

Maike: Es ist schwer zu akzeptieren, dass man die Zeit mit seinem Baby ganz anders verbringt als man sich das vorgestellt und bei so vielen anderen Müttern gesehen hat. Man denkt sich, ich gehöre doch eigentlich in irgendwelche schönen Cafés oder in mein gemütliches Zuhause, aber doch nicht in eine psychiatrische Einrichtung! Ich habe es außer meiner engsten Familie auch niemandem erzählt. Das war eine bewusste Entscheidung. Ich hatte schlichtweg nicht die Kraft, es anderen zu erklären.

Tabus entstehen ja dadurch, dass niemand über das Thema spricht. Gerade diese Zwangsgedanken, dass dem Kind etwas passiert oder dass ich nicht genügend auf sie aufpassen kann, sind so quälend und werden immer größer, wenn man sie sich verbietet und nicht darüber redet. Aber sie sind natürlich das absolute Gegenteil von dem, was die Gesellschaft – und man selbst - vom Muttersein erwartet.

Saskia Rekasi: Zwangsgedanken in Bezug auf das Baby muss man in der Sprechstunde immer explizit erfragen, sonst redet keine Mutter darüber. Es ist dann für viele Frauen eine Erleichterung, dass wir uns davon recht unbeeindruckt zeigen und sie auch guten Gewissens wieder nach Hause schicken, weil wir keine Angst haben, dass dem Baby wirklich etwas passiert. Das kennzeichnet übrigens einen Großteil der Frauen, die sich bei uns vorstellen: die Babys sind fast ausnahmslos sehr gut versorgt. Wer nicht gut versorgt ist, sind die Mütter. Die Selbstfürsorge leidet als erstes.

Maike, können Sie sich an den ersten Tag in der Tagesklinik erinnern?

Maike: Der erste Tag war sehr schwer, ich habe mich extrem deplatziert gefühlt, mich geschämt, war sehr verzweifelt und durcheinander. Gleichzeitig habe ich aber große Dankbarkeit empfunden. Meine Gefühle waren sehr ambivalent.

Saskia Rekasi: Diese Ambivalenz sehen wir bei vielen Patientinnen. Viele merken, es geht so nicht weiter, aber man möchte im „wunderschönen“ ersten Babyjahr auch nicht in der psychiatrischen Tagesklinik sein. Das liegt auch daran, dass man ja nicht nur selbst dort ist, sondern auch das eigene Kind. Viele fühlen sich deshalb schuldig. Da viele unserer Patientinnen mit diesen vielen ambivalenten Gefühlen zu kämpfen haben, passiert in den ersten Tagen hier auch nicht allzu viel. Es geht erstmal nur darum, anzukommen und überhaupt hier jeden Morgen, mit Kind, pünktlich um 9:30 Uhr vor der Tür zu stehen. Das ist von einer nicht erkrankten Frau mit Baby schon viel verlangt. Aber mit der Zeit hilft die Struktur, hier anzudocken. Erleichternd wirkt, dass in der Tagesklinik überhaupt keine Psychiatrie-Atmosphäre herrscht. Wir haben hier mitten in Frankfurt ein kleines, aber feines, sehr familiäres Umfeld geschaffen.

Wie geht es dann weiter - welche Behandlungsmöglichkeiten hat die Klinik?

Saskia Rekasi: Nach der Eingewöhnungsphase kommen die Patientinnen jeden Tag von 9:30-15:30 Uhr mit Baby zu uns, im Durchschnitt bleiben sie zehn bis zwölf Wochen. Es ist wichtig zu sagen, dass die Behandlung in der Eltern-Kind-Tagesklinik eine Krisenintervention ist. Das heißt, wir entlassen die Patientinnen meistens als nicht komplett geheilt, sondern empfehlen eine Weiterbehandlung, zum Beispiel in unserer Ambulanz. Trotzdem sind wir stolz darauf, dass wir ein sehr umfangreiches und intensives Behandlungssetting anbieten können.

Dazu gehören psychotherapeutische und ärztliche Gespräche, Bezugspflegegespräche, aber auch Gesprächsgruppen mit oder ohne Kind. Unsere Gruppen arbeiten auf einem sehr hohen psychotherapeutischen Niveau. Ergänzend kommen Angebote der Ergo- und Kunsttherapie, Bewegungstherapie und Achtsamkeitsgruppen hinzu.

Es gibt darüber hinaus viele Angebote, die die Bindungssymptomatik zwischen Mutter und Kind behandeln, wie zum Beispiel die Babymassage, eine Kuschelgruppe oder auch die Video-Interaktionsanalyse. Das hilft den Frauen ungemein, mehr Sicherheit in ihrer neuen Rolle zu bekommen.

In der Tagesklinik erleben die Mütter, die häufig hochstrukturiert und mitunter leistungsorientiert sind, dass sie auch mit Baby eine Tagesstruktur mit vielen Terminen einhalten können.

Ein weiterer Aspekt ist mir noch wichtig. Man kann es wenig greifen, aber es hat einen großen Effekt für die Genesung unserer Patientinnen: Durch unsere relativ begrenzten Räumlichkeiten aber auch durch die Zusammenarbeit und die Haltung des Teams entsteht hier eine familiäre Atmosphäre und man vergisst manchmal, dass man sich in einer psychiatrischen Klinik befindet. Natürlich bleibt die professionelle Distanz zu den Patientinnen immer gewahrt, dennoch haben wir hier zu den Frauen und ihren Kindern deutlich mehr Nähe als in einer normalen Tagesklinik. Die Frauen kommen auch schnell untereinander in Kontakt und sind Teil einer Gemeinschaft. Das klingt vielleicht untherapeutisch, aber gerade diese Atmosphäre einer -mitunter chaotischen- Großfamilie hilft unseren Patientinnen sehr.

Maike: Wo gibt es das sonst? Man hat das Gefühl, sein häusliches Umfeld nicht ganz verlassen zu müssen, das Kind in professionellen Händen zu wissen und gleichzeitig, seine Therapien machen zu können. Für mich ist die Eltern-Kind-Tagesklinik eine extrem wichtige Institution und ich bin sehr froh, dass es sie gibt.

Ein ganz zentraler Baustein war für mich die Psychotherapie – neben den anderen Elementen der Behandlung. Besonders wichtig war für mich, dass ich sie auch nach dem Aufenthalt in der Tagesklinik weitergeführt habe. Das hat wesentlich zu meiner langfristigen Genesung beigetragen.

Liebe Maike, was würden Sie anderen Müttern, die in einer ähnlichen Situation sind, gerne sagen? 

Maike: Zuallererst würde ich ihnen sagen, dass sie sich nicht schämen müssen, für gar nichts, und dass sie nicht alleine sind. Sie sollten wissen, dass diese Transformation zum Elternwerden einfach eine total verrückte Sache ist, die das Leben um 180 Grad dreht und die nicht von heute auf morgen passiert. Man darf langsam in die neue Rolle hineinwachsen und muss nicht gleich von Anfang an alles perfekt machen. Gerade in kleinen Familienkonstellationen, ohne die Unterstützung einer Großfamilie oder anderen Netzwerken, ist das gar nicht so einfach.

Außerdem ist wichtig: Wenn man selbst merkt, dass etwas nicht stimmt, dann ist es auch so. Bleibt dran, auch wenn Ihr Euch bei einer ersten Anlaufstelle nicht verstanden oder ernst genommen fühlt. Man kann sich auf seine Intuition verlassen und unterscheiden, was im Bereich des Gesunden liegt und was nicht.

Saskia Rekasi: Ich würde auch allen Frauen raten, sich wirklich frühzeitig Hilfe zu holen. Eine beginnende Bindungsstörung muss man unbedingt ernstnehmen. Denn es besteht Behandlungsbedürftigkeit bei gleichzeitig sehr guter Prognose!

Und man ist nicht alleine. Das Wochenbett ist für Frauen eine Lebensphase mit einem sehr hohen Risiko, depressiv zu erkranken. Man muss sich ja nur mal bewusst machen, welche Lebensbereiche sich mit der Geburt eines Kindes ändern. Nämlich alle! Das erfordert so unfassbare Adaptionsleistungen der Eltern - und aufgrund der körperlich-hormonellen Seite und bestehender gesellschaftlicher Voraussetzungen vor allem der Frau - dass man manchmal staunt, dass nur 10-20 Prozent der Frauen eine Depression in dieser Phase entwickeln.

Maike: Mir ist es unheimlich wichtig, anderen Frauen, die sich in einer Krankheitsphase befinden, Mut zu machen: Mit großer Wahrscheinlichkeit werdet Ihr wieder zurück ins Leben finden, auch wenn es sich momentan noch so anfühlt, als wäre das unmöglich! Euch kann geholfen werden und es wird wieder besser. Ich bin aus heutiger Sicht sogar froh und dankbar, diese Erfahrung gemacht zu haben, auch wenn es die bislang größte Herausforderung meines Lebens war. Ich kann heute viel besser abwägen, was mir guttut und was nicht, was ich loslassen, delegieren oder bewusst genießen kann. Ich hätte nicht gedacht, dass man aus dieser Zeit mental gesünder herauskommen kann als man es vor der Erkrankung war.

© Vitos
Maike im Gespräch mit Behandlerin Sakia Rekasi

Peripartale Sprechstunde

Um einen schnellen und niedrigschwelligen Zugang zu professioneller Hilfe zu bekommen, können Betroffene die peripartale Sprechstunde der Vitos Ambulanz in Frankfurt nutzen. Dafür erhalten Sie unkompliziert und zeitnah einen Termin. Wir klären im Erstgespräch, ob eine ambulante oder tagesklinische Weiterbehandlung notwendig ist und besprechen die nächsten Schritte.

So erreichen Sie die Ambulanz:

Tel.: 0 69 ‐ 6 78 00 26 01

E-Mail: peripartale-sprechstunde@vitos-hochtaunus.de

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