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von Vitos
01. September 2025
 12min

Vitos gedenkt: Für die Opfer – gegen das Vergessen

Vitos erinnert an die Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde

Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg – und zeitgleich auch die systematischen Krankenmorde im nationalsozialistischen Deutschland. In Heil- und Pflegeanstalten wurden kranke und behinderte Menschen entrechtet, ausgegrenzt und ermordet. Auch Einrichtungen, die heute zu Vitos gehören, waren Orte dieser Verbrechen. Die dauerhafte Erinnerung an die Opfer ist Vitos Auftrag und Anliegen. In unseren Psychiatrie-Museen, mit Ausstellungen und Gedenkorten wollen wir über das menschenverachtende System der NS-Krankenmorde informieren und dazu beitragen, die Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wo kannst Du mehr erfahren über das Kapitel der NS-Krankenmorde? Und wo findet das Gedenken bei Vitos einen Platz? – Das erfährst Du in diesem Beitrag.

Ausstellung „Vom Wert des Menschen“ 

Auf unserem Vitos Campus in Gießen befindet sich im Untergeschoss von Haus 10 die Gedenkausstellung „Vom Wert des Menschen“, die vom Förderverein Psychiatriemuseum/Gedenkausstellung Gießen betreut wird. Sie zeigt die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt von 1911 bis 1945. Dort werden Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung Kranker im Dritten Reich durch die „Aktion T 4“ sowie der dezentrale Patientenmord thematisiert. Die Bezeichnung „Aktion T 4“ leitet sich von der Adresse Tiergartenstraße 4 in Berlin ab, von wo aus das NS-Regime den Krankenmord zentral steuerte.

Die damalige Heil- und Pflegeanstalt Gießen spielte seinerzeit eine besondere Rolle: Sie war 1940 eine Zwischenanstalt für jüdische Patientinnen und Patienten, die von Gießen aus in die Tötungsanstalt Brandenburg deportiert wurden. Von Februar bis Juni 1941 wurden aus Gießen mehr als 260 Patientinnen und Patienten über die Zwischenanstalt Weilmünster in die Tötungsanstalt Hadamar verbracht.

Das Museum hat jeden ersten Samstag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Führungen finden auf Anfrage statt.

In Marburg lädt der Historische Pfad zu einem Rundgang durch den Vitos Park ein. Er veranschaulicht die Entwicklung der psychiatrischen Klinik, ihre Einbettung in gesellschaftliche Umbrüche und erinnert an den Verlust der Achtung vor menschlichem Leben in der Kriegs- und NS-Zeit.

Zentraler Lern- und Erinnerungsort: Die Gedenkstätte Hadamar 

Auf dem heutigen Vitos Gelände in Hadamar richtete das NS-Regime 1940 eine Tötungsanstalt ein. Kranke und behinderte Menschen wurden dort in einer Gaskammer oder durch Medikamente ermordet. Heute ist auf dem Gelände die Gedenkstätte Hadamar zu finden, die sich in Trägerschaft des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen befindet. Sie ist der zentrale Ort für die Gedenk- und Erinnerungsarbeit des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Die Gedenkstätte Hadamar erinnert an die fast 15.000 Opfer, die dort zwischen 1941 und 1945 ermordet wurden. Als zentraler Lern- und Erinnerungsort bietet die Gedenkstätte Besucher/-innen die Möglichkeit, sich mit den Verbrechen und deren Folgen auseinandersetzen zu können. In den kommenden Jahren wird das historische Gebäude der ehemaligen Anstalt denkmalgerecht saniert. Die Ausstellungsfläche wird erweitert und auch die Dauerausstellung erhält eine grundlegende Neukonzeption.

Die Gedenkstätte ist von Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr geöffnet, freitags von 9 bis 13 Uhr. An jedem ersten und dritten Sonntag im Monat findet eine öffentliche Führung um 14.30 Uhr statt. An Feiertagen ist die Gedenkstätte geschlossen. Der Besuch der Ausstellung ist kostenfrei.

Am Freitag, 5. September 2025, lädt die Gedenkstätte Hadamar gemeinsam mit der Stadt Hadamar und dem Verein zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar von 14 bis 19 Uhr zu einem Tag der offenen Tür ein. Mehr Informationen findest Du hier.

Auch im nahegelegenen Weilmünster, heute ebenfalls ein Vitos Standort, starben während der NS-Zeit tausende Menschen. 1941 diente Weilmünster als Zwischenanstalt für die Verlegung von Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar. In Weilmünster selbst starben zwischen 1941 und 1945 mehr als 3.000 Menschen durch Verhungern und pflegerische Vernachlässigung sowie mit großer Wahrscheinlichkeit durch gezielte Medikamentengabe. Heute entsteht in der Weilmünsterer Klinikkapelle in Zusammenarbeit mit dem Verein Weilburg erinnert ein Lern- und Erinnerungsort, der durch eine großzügige Förderung der Deutschen Postcode Lotterie unterstützt wird.

Gedenken auf dem Eichberg

Auf dem Eichberg-Gelände in Eltville erinnert ein Gedenkstein vor der Kapelle an die Opfer der Krankenmorde. Jährlich am 1. September findet dort eine Gedenkstunde mit Mitarbeitenden, Angehörigen, Vereinen und Vertreter/-innen der Politik statt. Während der Veranstaltung werden weiße Rosen zum Zeichen des Erinnerns niedergelegt.

Zudem gibt es auf den beiden Friedhöfen des Geländes Gedenktafeln, die über die Krankenmorde informieren. Eine Dauerausstellung mit Infotafeln im Kulturzentrum des Eichbergs ergänzt das Angebot.

Die Anstalt Eichberg dienste 1941 ebenfalls als Zwischenanstalt für die Verlegung von Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar. Auf dem Eichberg bestand zudem ab März 1941 eine so genannte. „Kinderfachabteilung“, in der rund 500 Kinder ermordet wurden.

Gedenken in Herborn

In der Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn fanden Zwangssterilisierungen auf Grundlage des 1934 beschlossenen „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ statt. Mehr als 1.180 Frauen und Männer wurden hier zwischen 1934 und 1939 zwangssterilisiert. Auch diente Herborn als Zwischenanstalt für die Verlegung von Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar im Jahr 1941.

Auf dem Gelände der Vitos Herborn erinnert heute ein Gedenkstein an die Verbrechen. Außerdem existiert ein Psychiatriemuseum, das derzeit modernisiert wird und deshalb vorübergehend nicht besucht werden kann.

Gedenken am Kalmenhof

In der ehemaligen Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein bestand zwischen 1941 bis 1945 ebenfalls eine „Kinderfachabteilung“. Hier wurden allein etwa 500 Kinder und Jugendliche ermordet. Außerdem wurden vom Kalmenhof aus Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt.

Heute befindet sich dort, auf dem Gelände von Vitos Teilhabe, der Gedenk- und Lernort Kalmenhof des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, der von der Gedenkstätte Hadamar betreut wird. Er bietet geführte Rundgänge und Workshops für Schulklassen, Studierende und weitere Gruppen an. Neben biografischen Einblicken in die Schicksale der Opfer beschäftigt sich ein spezielles Workshop-Format auch mit der Frage nach Täterschaft und Verantwortung.

Eine Dauerausstellung, das Kunstwerk des Projekts „NS-‚Euthanasie‘ ERINNERN“ sowie der fiktive Comic Henny ergänzen das Angebot. Die Dauerausstellung „Der Kalmenhof damals und heute“ ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 14 Uhr zugänglich.

Riedstadt: Gedenkveranstaltung erinnert an die Opfer

Am Eingang des Philippshospitals in Riedstadt erinnert seit 1989 ein Gedenkstein an die Opfer, die von hier aus im Rahmen der „T4-Aktion“ über die Zwischenanstalten Weilmünster, Eichberg oder Kalmenhof nach Hadamar deportiert wurden. Jedes Jahr am 1. September findet am Standort eine Gedenkveranstaltung statt.

Darüber hinaus bewahrt das Psychiatriemuseum in Riedstadt, das Ende des 19. Jahrhunderts von Mitarbeitenden gegründet wurde, die Geschichte der Einrichtung. Besucher/-innen können hier auf eine eindrucksvolle Sammlung von Archivmaterialien und Dokumenten zugreifen, die weit über die NS-Zeit hinaus die Entwicklung des Philippshospitals beleuchten.

Gedenken in Haina

Die Geschichte von Vitos Haina ist eng mit der ehemaligen Klosteranlage verbunden, die 1533 von Landgraf Philipp dem Großmütigen in ein Hospital umgewandelt wurde. Das „Hohe Hospital Haina“ entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer der bedeutendsten psychiatrischen Einrichtungen Europas. Auch dieser Ort war während des Nationalsozialismus von den Krankenmorden betroffen: Patient/-innen wurden in andere Tötungsanstalten deportiert oder starben in Haina infolge von Hunger, Misshandlungen und Vernachlässigung.

Heute erinnert Vitos Haina mit verschiedenen Gedenkorten an diese Verbrechen. Auf dem Klinikgelände befindet sich seit 1989 eine Gedenktafel, die den Opfern gewidmet ist. Ein Jahr später wurde auf dem örtlichen Friedhof ein Gedenkstein durch den Landeswohlfahrtsverband Hessen errichtet. Im Kreuzgang des alten Klosters entstand 1992 ein Psychiatriemuseum, das die Geschichte des Hospitals von seinen Anfängen bis in die NS-Zeit dokumentiert. 1986 wurde das Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) Hessen gegründet, das wichtige Quellen zur regionalen und nationalen Psychiatriegeschichte bewahrt. Die Hainaer-Bestände sind Teil des LWV-Archivs.

Orte des Erinnerns, Orte der Verantwortung

Die Gedenkorte bei Vitos sind Orte der Mahnung, des Lernens und des Erinnerns. Sie machen sichtbar, was während der NS-Zeit geschehen ist, und halten die Erinnerung an die Opfer wach. Am 1. September laden wir dazu ein, gemeinsam innezuhalten, zu erinnern und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.

Weitere Informationen zu unseren Gedenkorten findest Du in unserer umfassenden Broschüre „Geschichte und Gedenken“ sowie auf auf unserer Website.

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