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01. September 2026
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Vom Kloster zum Zwangslager

Wie Vitos Mitarbeitende in Breitenau NS-Verfolgung, Zwangsarbeit und vergessene Schicksale erkunden

Ein warmer Frühsommertag, die Natur ist saftig grün und der Himmel knallblau. Die alten Mauern des 1113 gegründeten Benediktinerklosters strahlen etwas Friedliches aus, als wir das Gelände betreten. Vitos Nordhessen lädt seine Mitarbeitenden regelmäßig zu Workshops in die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen, etwa 15 km südlich von Kassel, ein. Heute bin ich dabei.

Mehr als 9.000 Menschen in den NS-Zwangslagern

Der Workshop beginnt mit einem theoretischen Teil. In einem Seminarraum ordnen wir die Geschehnisse zeitlich ein. Unser Dozent, Herr Heck, erklärt uns die Meilensteine, die man über die Geschichte des Ortes wissen muss: preußisches Arbeitshaus (1874-1949), Konzentrationslager (1933-34), Arbeitserziehungslager (1940-45) und Erziehungsheim für Mädchen (1952-73). Wir ahnen: Die klösterliche Idylle ist trügerisch. Für Tausende Menschen war Breitenau in den vergangenen 150 Jahren ein Ort des Schreckens, der Willkür, der Brutalität. Besonders gilt das für die Zeit zwischen 1933 und 1945. Mehr als 9.000 Menschen waren während der NS-Zeit in den Zwangslagern inhaftiert: politische Gegner/-innen, Jüdinnen und Juden, ausländische Zwangsarbeiter/-innen, Geistliche sowie als „asozial“ und „arbeitsscheu“ Stigmatisierte.

Bedrückende Einblicke

Das Workshop-Programm setzt sich mit einem Gang übers Gelände fort. Hinter jeder Tür scheint uns ein finsteres Kapitel zu erwarten. Die prächtige Zehntscheune etwa beherbergte eine Außenstelle der Kasseler Gestapo, die bei einem Luftangriff auf der Wilhelmshöher Allee stark zerstört worden war. In das Mittelschiff der Kirche wurden mehrere Etagen eingezogen, sodass das Gotteshaus – erstmals bereits im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) – als Haftstätte genutzt werden konnte.

Eine Einzel-Arrestzelle zur Haftverschärfung kommt uns vor wie eben erst verlassen. Hier wurden Menschen meist mehrere Tage bei Wasser und Brot eingesperrt. Mehr als 600 Einritzungen in den Wänden zeugen von ihren Schicksalen. Enorm bedrückend wirkt auch der Blick in den Waschraum, besonders als wir erfahren, dass die Gefangenen des Arbeitserziehungslagers in den Duschkabinen, auf die wir blicken, misshandelt wurden.

Ins Lager wegen Kartoffeldiebstahls

Nach diesen und weiteren Eindrücken steht Aktenarbeit auf dem Stundenplan: Anhand von Reproduktionen der Einzelfallakten aus der Zeit des Arbeitserziehungslagers bekommen wir einen Zugang zu den einzelnen Verfolgungswegen und individuellen Schicksalen der Inhaftierten. Einer von ihnen: Jan Aksman, geboren 1920 in der polnischen Kleinstadt Radomsko. Als junger Mann verschleppten die Nazis ihn im Krieg nach Deutschland. In Kassel schuftet er – wie rund 6.000 Leidensgenossen – als Zwangsarbeiter für den Rüstungskonzern Henschel. Untergebracht im Henschellager am Schäferberg wird Jan im Mai 1943 wegen angeblichen „Kartoffeldiebstahls“ in das Arbeitserziehungslager Breitenau eingeliefert. Nach knapp einem Monat Haft wird seine Überstellung ins KZ-System veranlasst. Am 19. Juni 1943 wird Jan Aksman ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Sein weiteres Schicksal: unbekannt …

Die Gedenkstätte Breitenau versteht sich als Ort des Gedenkens, der Begegnung, der Dokumentation und des Lernens. Bei der historischen Spurensuche finden wir NS-Geschichte in unserer direkten Nachbarschaft, entdecken Tatorte und „vergessene“ Verfolgtengruppen wieder. Breitenau ist einen Besuch wert.

Warum bietet Vitos Workshops in Breitenau an?

Das Klostergelände gehört Vitos Nordhessen. Außerdem befindet sich dort eine Einrichtung der Vitos begleitenden psychiatrischen Dienste Haina. Vitos sieht es als Verpflichtung, sich aktiv mit der Geschichte der Anlage zu befassen – und die Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Vitos Nordhessen lädt deshalb seine Mitarbeitenden zu Workshops in der Gedenkstätte ein. Die dreistündigen Veranstaltungen gelten als Fortbildung.

Mehr Infos: Gedenkstätte Breitenau

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