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30. September 2026
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„Was möchten Sie wieder können?“

Prof. Dr. Thelonius Hawellek über moderne Gelenkmedizin

Prof. Dr. Thelonius Hawellek ist neuer Chefarzt in der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel und Spezialist für Gelenkerkrankungen. Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie übernimmt am 1. Oktober 2026 die personelle und organisatorische Leitung der Fachabteilung Allgemeine Orthopädie und Endoprothetik (Gelenkersatz). Im Interview spricht er über seine persönlichen Ziele und die Möglichkeiten moderner Endoprothetik.

Herr Prof. Dr. Hawellek, was macht Endoprothetik für Sie zu einem spannenden Fachgebiet?

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Patientinnen und Patienten, die ein künstliches Gelenk benötigen, haben meist große Schmerzen und sind in ihrer Mobilität stark eingeschränkt. Eine Endoprothese kann ihnen Selbstständigkeit, Lebensfreude und damit ein großes Stück Lebensqualität zurückgeben. Diese Entwicklung mitzuerleben, macht das Fachgebiet zu einer erfüllenden Aufgabe.

Warum benötigen viele Patientinnen und Patienten irgendwann ein künstliches Gelenk?

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Ein künstliches Gelenk kann aus ganz unterschiedlichen Gründen notwendig werden. Am häufigsten ist die Ursache eine Arthrose. Aber auch rheumatische Erkrankungen, Gelenkfehlstellungen, frühere Verletzungen oder Durchblutungsstörungen des Knochens können ein Gelenk dauerhaft schädigen. Im fortgeschrittenen Stadium führen diese Erkrankungen häufig zu einer zunehmenden Zerstörung des Gelenks. Dabei kommt es zum Verlust von Gelenkknorpel. Gleichzeitig verändern sich auch der gelenknahe Knochen, die Gelenkkapsel und weitere Strukturen rund um das Gelenk. Das Gelenk wird dadurch zunehmend schmerzhaft, steif und weniger belastbar. Ist der Gelenkknorpel einmal deutlich geschädigt, kann der Körper ihn nicht wieder in seiner ursprünglichen Qualität aufbauen.

Ein künstliches Gelenk kommt dann infrage, wenn die Beschwerden den Alltag deutlich einschränken und konservative Behandlungsmöglichkeiten keine ausreichende Besserung mehr bringen. Ziel der Operation ist es, Schmerzen deutlich zu reduzieren, die Beweglichkeit und Belastbarkeit zu verbessern und den Patientinnen und Patienten wieder mehr Selbstständigkeit und Lebensqualität zu ermöglichen.

Woran bemerken Betroffene, dass hinter ihren Beschwerden eine Arthrose steckt, und warum ist Schonung der falsche Weg?

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Arthrose äußert sich in der Regel durch gelenknahen Schmerz bei Belastung. Später treten Schmerzen auch in Ruhephasen oder nachts auf. Die Bewegungseinschränkungen werden zunehmend stärker.

Eine komplette Schonung ist jedoch nicht ratsam. Bewegung hält die Muskulatur kräftig und unterstützt die Beweglichkeit des Gelenks. Wer sich aufgrund der Schmerzen weniger bewegt, baut Muskulatur ab und kann dadurch die Belastbarkeit des Gelenks weiter verringern.

Welche konservativen Behandlungsmöglichkeiten gibt es, und wann ist der richtige Zeitpunkt für ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk?

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Zur Behandlung einer Arthrose stehen verschiedene konservative Möglichkeiten zur Verfügung – von Physiotherapie und Muskelaufbau über gelenkschonende Bewegung, physikalische Maßnahmen und Schmerztherapie bis hin zu Gelenkinfiltrationen. Ziel ist es, Funktion und Belastbarkeit möglichst lange zu erhalten.

Ein ausgeprägter Verschleiß im Röntgenbild allein ist noch keine Operationsindikation. Ein Gelenkersatz kommt dann infrage, wenn unter der konservativen Therapie keine ausreichende Besserung mehr zu erzielen ist und Beschwerden, Funktionsverlust und Befund zusammenpassen.

Welche Bedeutung haben die persönlichen Ziele der Patientinnen und Patienten?

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Die individuellen Ziele sind entscheidend. Manche Patienten hatten immer einen sehr aktiven Lebensstil und möchten diesen wieder erlangen. Für andere steht ein schmerzfreier Alltag im Vordergrund. Deshalb frage ich immer: „Was möchten Sie wieder können?“ Genauso wichtig ist es jedoch, die Erwartungen realistisch zu besprechen. Vieles ist möglich, aber eben nicht alles.

Was bedeutet für Sie moderne Endoprothetik – und was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Schaut man sich die Entwicklung der vergangenen zwei Jahrzehnte in der Endoprothetik an, hat sich enorm viel positiv verändert. Implantate und Materialien sind langlebiger geworden, gleichzeitig können wir heute individueller planen und versorgen. Genauso wichtig ist der gesamte Behandlungsweg: eine gute Vorbereitung, das Erkennen und Behandeln möglicher Risikofaktoren, gewebeschonende Operationsverfahren sowie abgestimmte Anästhesie- und Schmerzkonzepte.

Ein wesentlicher Fortschritt sind Fast-Track-Konzepte, bei denen Operateure/-innen, Anästhesie, Pflege und Physiotherapie eng zusammenarbeiten, damit Patienten/-innen früh und sicher mobilisiert werden können. Moderne Endoprothetik umfasst für mich deshalb nicht nur die Operation selbst, sondern den gesamten Weg von der richtigen Indikation bis zur Rehabilitation.

Manchmal müssen bereits vorhandene Prothesen korrigiert oder ausgetauscht werden…

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Generell sind künstliche Hüft- und Kniegelenke heute sehr langlebig. Trotzdem können nach vielen Jahren Lockerungen oder Verschleiß auftreten. Auch Instabilitäten oder Infektionen können eine Wechseloperation notwendig machen.

Diese Eingriffe sind häufig deutlich komplexer als die Erstimplantation. Vorhandene Implantate müssen entfernt, möglichst viel Knochensubstanz erhalten oder Defekte rekonstruiert und die Stabilität des Gelenks wiederhergestellt werden. Dafür braucht es Erfahrung, eine genaue Planung und spezielle Implantatsysteme. Die komplexe Wechsel-Endoprothetik ist einer meiner besonderen fachlichen Schwerpunkte. Ich freue mich sehr, dass diese besonderen Voraussetzungen zur Behandlung von solchen komplexen Fällen in unserem zertifizierten Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung gegeben sind.

Wie möchten Sie die Vitos Orthopädische Klinik Kassel gemeinsam mit dem bestehenden Team weiterentwickeln?

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Die Vitos Orthopädische Klinik Kassel ist eine traditionsreiche Einrichtung mit einem ausgezeichneten Ruf – auch über die Region hinaus. Ein besonderes Qualitätsmerkmal ist, dass die Klinik bereits seit 2013 als EndoProthetikZentrum der Maximalversorgung zertifiziert ist und damit in Nordhessen als einzige Klinik die höchsten Anforderungen dieser Zertifizierung erfüllt. Hinzu kommt ein sehr erfahrenes und hochspezialisiertes Team aus Ärztinnen und Ärzten, OP, Pflege, Physiotherapie, Organisation und Sozialdienst. Darauf möchte ich aufbauen und die orthopädische Versorgung gemeinsam mit dem Team weiterentwickeln – für eine bestmögliche Versorgung unserer Patientinnen und Patienten.


Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit medizinischen Partnern in der Region?

Prof. Dr. Thelonius Hawellek: Eine gute orthopädische Versorgung gelingt nur im Team. Deshalb ist die enge Zusammenarbeit mit niedergelassenen Orthopädinnen und Orthopäden, Hausärztinnen und Hausärzten, Physiotherapiepraxen sowie den Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen der Region von großer Bedeutung. Wenn alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, profitieren die Betroffenen von kurzen Wegen, einer abgestimmten Behandlung und einer hohen Versorgungsqualität. Diesen Austausch möchte ich weiter stärken und ausbauen.

 

Zur Person

Prof. Dr. Thelonius Hawellek (43) ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit der Zusatzbezeichnung Spezielle Orthopädische Chirurgie.

Zuletzt war er an der Universitätsmedizin Göttingen tätig, wo er als Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie arbeitete und das EndoProthetikZentrum der Maximalversorgung leitete. Professor Hawellek ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

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