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Coronavirus: „Wiedergewonnene Freiheit langsam zurückerobern“

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Haina gGmbH

Die Infektionszahlen in Waldeck-Frankenberg stagnieren seit Tagen – zum Glück. An das Tragen von Mund-Nasen-Schutz haben sich die meisten Menschen gewöhnt. Die Corona-Warn-App als Instrument der Infektionsprävention wurde millionenfach auf die Handys geladen. So langsam stellt sich Routine in der „neuen“ Normalität ein.

Warum diese „neue“ Normalität vielen Menschen Probleme bereitet und warum gerade jetzt Mädchen und Jungen im Kindergarten- und Grundschulalter besondere Unterstützung bedürfen, erläutert Dr. Svenja Kräling, leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

© Kai Pilger

Corona macht auch psychisch krank, war in den vergangenen Wochen häufig zu lesen. Merken Sie dies in der Klinik oder in den Ambulanzen? Benötigen mehr Menschen professionelle Unterstützung?

Wir verzeichnen eine deutlich gestiegene Anfrage nach Therapieplätzen. Gesunde Menschen können kurzfristig die mit Corona einhergehenden Belastungen abfangen. Mit zunehmender Dauer der Einschränkungen und der Anzahl zusätzlicher individueller Belastungsfaktoren nimmt aber auch ihre psychische Widerstandskraft ab. Gerade psychisch verwundbare Menschen brauchen jetzt vermehrt unsere Hilfe. Sie können die Probleme des „coronifizierten“ Alltags nicht alleine bewältigen.

Wo bekomme ich schnell Hilfe, wenn ich merke, dass ich mit den Belastungen der vergangenen Wochen alleine nicht fertig werde?

Es gibt vielfältige Zugangswege zu Hilfsangeboten im Falle einer psychischen Krise. Eine erste Kontaktaufnahme kann ganz niederschwellig zum Beispiel über präventive Angebote der Krankenkassen oder eine anonyme Telefon-Hotline erfolgen, wie auch Vitos sie derzeit anbietet. Der Hausarzt ist meiner Meinung nach der beste Ankerpunkt zur Koordination einer ganzheitlichen Versorgung, da er bereits die Krankengeschichte des Patienten kennt. Er kann eine erste Behandlungsindikation stellen und den Patienten an einen niedergelassenen Psychotherapeuten oder Facharzt überweisen oder im Notfall direkt die stationäre Aufnahme in einer Klinik einleiten.

In Hessen dürfen seit Montag wieder alle Kinder in die Grundschule gehen. Bei den meisten ist die Freude groß, doch einige sorgen sich, dass sie sich anstecken könnten. Die Appelle und Einschränkungen der vergangenen Wochen wirken also nach. Wie können Eltern ihre Kinder bei diesem „Neustart“ unterstützen?

Dass die Menschen nun nicht alle Bedenken über Bord werfen, sondern mit einer gewissen Vorsicht Schritt für Schritt in die Normalität zurückkehren, ist als Erfolg der bisherigen Präventionsmaßnahmen zu werten. Angst an sich ist ein wertvolles Warnsignal, doch sie sollte hilfreich sein und uns nicht lähmen. Um den Kindern den Wiedereinstieg in den schulischen Alltag zu erleichtern, sollten Eltern ihnen im Sinne des Modell-Lernens ein Vorbild sein: Ängste und Sorgen offen ansprechen, sie auf wichtige Regeln hinweisen, aber auch das Positive am neuen Alltag hervorheben.

Das Kindergarten- oder Schuljahr endet in vielen Einrichtungen üblicherweise mit Ritualen: von der Übernachtungsparty bis zur Abschlussfeier. Die meisten dieser Highlights können coronabedingt nicht stattfinden. Was bedeutet das für Kinder, wenn Lebensabschnitte wie das Ende der Kindergartenzeit keinen richtigen Abschluss finden?

Rituale stellen gerade in unruhigen Phasen wichtige Ankerpunkte dar. Sie geben Sicherheit, markieren Veränderungen und neue Lebensabschnitte. Dies ist tief in unserem kulturellen Verständnis verwurzelt. Fehlen zum Beispiel Abschlussfeier oder offizielle Verabschiedung fällt es auch den Kindern schwer, auf emotionaler Ebene abzuschließen und sich auf etwas Neues einzulassen. Daher ist es wichtig, notfalls selber kreativ zu werden und den Übertritt in eine neue Lebensphase aktiv zu gestalten.

Pünktlich zu den Sommerferien sind innerhalb der EU die Reisewarnungen aufgehoben worden. Wirkt sich diese zurückgewonnene Freiheit positiv auf die Psyche aus?

Ist auf einmal „ganz viel Freiheit“ da, führt dies paradoxerweise häufig zu Überforderung und Unsicherheit. Wir stecken aktuell in einem klassischen „Annäherungs-Vermeidungs-Dilemma“: einerseits freuen wir uns, dass der Sommerurlaub doch stattfinden kann, andererseits haben wir auch Angst. Viele orientieren sich dabei erstmal an „den anderen“ und beobachten das weitere Infektionsgeschehen. Dies ist eine gute Strategie: langsam und mit Bedacht die wiedergewonnene Freiheit „zurückerobern“ und genießen.

Restaurants, Eisdielen – und auch einige Freibäder öffnen wieder. Vielerorts ist die neue nur durch den verpflichtenden Mund-Nasen-Schutz von der alten Normalität zu unterscheiden. Wie gelingt es, die Sensibilität für das ja weiterhin bestehende Infektionsrisiko nicht zu verlieren?

Ich glaube, dass aus den bisherigen Pandemiemaßnahmen ein deutlicher Lerneffekt hervorgegangen ist. Vielen Menschen verhalten sich aus Angst vor Ansteckung äußerst vorsichtig, andere wiederum gehen eher sorglos mit dem Thema um. In der Öffentlichkeit unterliegen aber beide Gruppen den gleichen Regeln. Das Tragen von Masken stellt dabei ein starkes und nicht zu übersehendes Symbol für die weiterhin gebotene Vorsicht, gegenseitige Rücksicht und Zusammengehörigkeit in dieser Krise dar.

Das Thema der vergangenen Tage war der Start der Corona-Warn-App. Was denken Sie darüber?

Corona-Viren kann man nicht sehen, auch eine Infektion bemerkt man ohne Test erst nachdem man schon mehrere Tage ansteckend war. Das macht vielen Menschen Angst. Wir alle sehnen uns nach Sicherheit und dem Gefühl von Kontrolle. Die Einführung der App erfüllt aus psychologischer Sicht genau diese Funktion: Sie reduziert Hilflosigkeit und gibt uns eine Einschätzung, ob wir uns Sorgen machen müssen oder ob nur ein „niedriges Risiko“ der Ansteckung besteht. Und je mehr Menschen die App nutzen, umso besser wird auch die „Sichtbarkeit“ der Corona-Verbreitung in der Bevölkerung.

Zur Person: Dr. Svenja Kräling

Dr. Svenja Kräling (38) ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Ihr Studium und die nachfolgenden Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin (VT) hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Seit 2009 ist sie in der Hainaer Klinik therapeutisch tätig.

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