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Der Historische Pfad in Marburg

Stationen und Wegeführung

Im Vitos Park in Marburg erzählt der Historische Pfad anhand von 13 Schildern/Stationen von der langen und wechselvollen Geschichte der psychiatrischen Klinik auf diesem Gelände.

Der Startpunkt befindet sich oberhalb des Mitarbeiterparkplatzes an der Cappeler Straße, Sie können jedoch an jeder Stelle einsteigen.

Der Lageplan zeigt Ihnen die Wegeführung und den Standort der einzelnen Stationen an. Lageplan im PDF-Format öffnen.

Historischer Pfad Vitos-Park Marburg

Nr. 1 - Startpunkt des Historischen Pfads

Sie befinden sich am Startpunkt des „Historischen Pfads“. Er führt Sie über unser Klinikgelände und gibt Ihnen an markanten Punkten Auskunft über historische Ereignisse in der wechselvollen Geschichte unserer Klinik. Sie wurde im Jahr 1876 gegründet und ist damit eine der ältesten psychiatrischen Kliniken in Hessen.

Erläuterung:

Die „Irren-Heilanstalt“ wurde im Gegensatz zu den existierenden Pflegeanstalten zur Behandlung psychisch Erkrankter als erste Anstalt in Deutschland im Pavillonstil geplant – mit zehn symmetrisch angelegten Krankengebäuden für ca. 300 Erkrankte. Der erste Direktor Heinrich Cramer als Anhänger der No-restraint-Bewegung (Behandlung ohne jede Zwangsmittel) bezeichnete sie als freieste Anlage in Deutschland.

Ihre Ausstattung mit sanitären und Heizanlagen war für damalige Verhältnisse außerordentlich gut, auch auf die Gestaltung des großzügigen Parkgeländes (gegliedert durch Lindenalleen) legte man großen Wert. Es finden sich eine Reihe von damals noch seltenen kostbaren Pflanzen wie Rhododendren, Magnolien, Azaleen.

Die Anlage der „Irren-Heilanstalt“ war symmetrisch mit einer Frauen- und einer Männerseite, vorgelagert fanden sich je zwei „Pensionshäuser“ für Patienten 1. Klasse, es folgten je zwei Aufnahmehäuser, dann jeweils Gebäude für „Unruhige“, „Halbruhige“ und ganz hinten „Ruhige“ Kranke, die Wohnhäusern mit Garten nachempfunden waren. 
 

Nr. 2 - Die "Amerikanische Bar" in Haus 5

Von September 1945 bis Januar 1947 wurde die Landesheilanstalt – so hieß die Klinik damals - durch die US-Militärregierung besetzt. Die Patienten wurden in andere Anstalten verlegt. Im Dachgeschoss dieses Gebäudes (Haus 5), in dem sich heute Büros der Klinikleitung und Verwaltung befinden, entstand die „Amerikanische Bar“. An den Wänden befinden sich dort noch heute Original-Comiczeichnungen.

Erläuterung:

Die amerikanische Militärregierung stationierte in Marburg mehr als 3000 Soldaten, die zum großen Teil wohl in der Landesheilanstalt untergebracht waren und offensichtlich in der „Amerikanischen Bar“ auch zu feiern verstanden. Es verblieb lediglich ein Gebäude für ca. 100 Patienten, die für die Versorgung des Gutsbetriebs und der Gärtnerei und damit auch die Lebensmittelversorgung notwendig waren.

Ziel der Militärregierung war auch die Entnazifizierung und Begleitung der Demokratisierung in Deutschland. Nach der Gleichschaltungspolitik der Nationalsozialisten waren mehr als 50 % der zumeist verbeamteten Mitarbeiter Mitglied in der NSDAP oder anderen nationalsozialistischen Organisationen, der Prozentsatz lag in  Führungsebenen noch höher. Von der amerikanischen Militärregierung wurden von 139 Mitarbeitern 81 als politisch belastet eingestuft, 20 entlassen, darunter auch der ärztliche Direktor Prof. Langelüddeke. In den Entnazifizierungsprozessen erfolgte jedoch keine Verurteilung, viele fielen unter die Weihnachtsamnestie 1946  oder wurden als Mitläufer eingestuft. Im April 1949 wurde auch Prof. Langelüddeke wieder als Direktor eingesetzt. 

Bilder der Comiczeichnungen finden Sie hier.

Nr. 3 - Der heutige Festsaal

Im Jahr 1876 richtete man den heutigen Festsaal (Veranstaltungssaal) als Bet- und Speisesaal für rüstige Kranke sowie für Festlichkeiten ein. Es gab von Anfang an ein vielfältiges kulturelles Angebot. So gibt es zum Beispiel einen Hinweis auf eine „musicalisch-theatralische Aufführung“ am 16.01.1880, bei der die Ehefrau des Direktors Prof. Dr. Cramer und der spätere Direktor Prof. Dr. Tuczek als mitwirkende Sänger genannt werden.

Erläuterung:

Für den ersten ärztlichen Direktor Cramer  galt der „Anstaltsorganismus“ als wesentliches Heilmittel  für die Patienten. Sie sollten in familiärer Weise beherbergt, angemessen bekleidet, beschäftigt und körperlich und geistig ernährt werden. Insofern gab es neben der schönen Parkanlage etwas außerhalb der Stadt auch ein reges geselliges und kulturelles Leben in der Anstalt mit verschiedensten Veranstaltungen, bei denen sich Mitarbeiter und Patienten aktiv beteiligten. Der damalige Oberarzt und spätere Direktor Tuczek tat sich wohl hierbei als Tenor besonders hervor.
 
Bei der Gründung war schon eine katholische Kapelle gebaut worden, 1915 wurde im oberen Parkteil eine  evangelische Kirche errichtet, nachdem die Pfarrer Gottesdienste im Festsaal zunehmend als unwürdig empfanden.
 

Nr. 4 - Betroffen von Euthanasiemaßnahmen

In der ursprünglichen „klinischen Abteilung“ für männliche Patienten (M2) sowie in weiteren sieben Gebäuden der Landesheilanstalt wurden im Verlauf des zweiten Weltkriegs 500 Lazarettbetten eingerichtet. Für die Krankenbehandlung standen 1942 nur noch sechs von 15 Gebäuden zur Verfügung. Diesen Lazarettraum zu schaffen, war auch Zweck der „Euthanasiemaßnahmen“ gegen die psychisch Kranken. Mindestens 260 Marburger Patienten wurden nach Verlegung in Tötungsanstalten ermordet.

Erläuterung:

Im Rahmen der Aktion T4 (benannt nach der Adresse der Zentraldienststelle in der Tiergartenstr. 4, Berlin) wurden zwischen 1940 und August 1941 aus der Marburger Landesheilanstalt 226 Patienten verlegt, von denen 210 sicher in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurden. Hinzu kommen relativ sichere Verlegungen in den Tod von 8 jüdischen Patienten im Sommer 1940, von 11 Mädchen (7 bis 13 Jahre alt) in die „Kinderfachabteilung“ Eichberg und von 17 psychisch kranken osteuropäischen ZwangsarbeiterInnen im Sommer 1944.

Ab Herbst 1939 wurde auch die Marburger Landesheilanstalt vom „Reichsinnenministerium“ aufgefordert, alle Patienten mit Schizophrenie, Epilepsie, Schwachsinn, Demenz etc. zu melden, die nicht arbeitsfähig seien, beziehungsweise alle, die länger als 5 Jahre in der Anstalt waren, also als nicht heilbar galten. Von Seiten der ärztlichen Direktion gab es Klagen gegen die zusätzliche Arbeitsbelastung durch die Meldebögen und einzelne Versuche, Patienten zu retten – jedoch keinen offenen Widerstand. 

Nach Begutachtung in Berlin durch Ärzte wurden dann Transportlisten für die Tötungsanstalt Hadamar zusammengestellt, die auch in Marburg regelmäßig eintrafen und von denen ca. 60 Patienten zurückgehalten werden konnten - meist mit dem Argument der guten Arbeitsfähigkeit. Nach öffentlichen und kirchlichen Protesten wurde die Krankenmordaktion T4 schließlich offiziell eingestellt, in Hadamar starben bis dahin mehr als 10 000 Menschen durch Gas, deutschlandweit mehr als 70 000.

Der darauf folgenden sogenannten „wilden Euthanasie“ durch Verhungernlassen oder Giftinjektionen fielen viele weitere Patienten zum Opfer (ca.100.000 insgesamt).  Eine „wilde Euthanasie“ gab es in Marburg offenbar nicht. Man habe „für eine aktivere Tätigkeit in dieser Richtung keine Liebe gefunden, weder in Haina, noch in Merxhausen, noch in Marburg“ berichtete nach einer Inspektionsreise im Juni 1944 der T4-Arzt Dr. Runckel. Aufgrund des zunehmenden Lazarettbedarfs und in Folge dessen der Zusammenlegung von Patienten sowie  der allgemeinen Lebensmittelknappheit stiegen jedoch im weiteren Verlauf des Krieges auch in Marburg die Infektions- und Sterberaten.  

Nr. 5 - Gefangenenhospital für Tuberkulosekranke

Die amerikanische Militärregierung richtete 1947 im Haus M 7 ein Gefangenenhospital für ca. 40 an Tuberkulose erkrankte Gefängnisinsassen ein. Es bestand noch bis 1952. Aus dieser Zeit stammten die vormals vergitterten Fenster an diesem Gebäude sowie ein Zaun, der um das Gelände gezogen wurde. 

Erläuterung:

Im Nachkriegsdeutschland herrschten Hunger, extreme Wohnungsnot und eine massenhafte Ausbreitung von Infektionskrankheiten, besonders der Lungentuberkulose. Von der amerikanischen Militärregierung wurde schließlich im Sommer 1947  ein Gebäude als Gefangenenhospital für erkrankte Häftlinge aus ganz Hessen eingerichtet. Das ursprünglich unter „no-restraint“-Bedingungen errichtete Haus für „unruhige Kranke unter Wache“ entsprach schließlich nicht den Sicherheitsansprüchen und auch nicht den ärztlichen Ansprüchen, so dass es 1952 aufgelöst wurde. 

Wegen der im weiteren Verlauf ansteigenden Patientenzahlen wurden zu dieser Zeit auch die meisten anderen Fremdnutzungen der Landesheilanstalt beendet: Die  Landeslungenheilstätte mit 150 Plätzen in 4 Gebäuden, ein Landeserziehungsheim mit 60 Plätzen, ein Altersheim mit 80 Plätzen in den durch Krieg, Lazarettnutzung und Besatzung völlig heruntergekommenen Gebäuden.

Nr. 6 - Zwangssterilisationen

An dieser Stelle wurde 1910 ein Gebäude errichtet, in dem 1937 in einem eigens dafür eingerichteten OP-Raum Zwangssterilisationen bei männlichen Patienten vorgenommen wurden. Insgesamt wurden hier und in den Kliniken der Universität Marburg ca. 300 Marburger Patienten zwangssterilisiert. Das Haus wurde jedoch später abgerissen.

Erläuterung:

Mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, sprich der Erlaubnis zur zwangsweisen Sterilisation, griffen die Nationalsozialisten 1933 für ihre Zwecke  eine lange schon gärende Diskussion unter den Psychiatern auf – mit Befürwortern solcher Maßnahmen gerade auch unter den Fortschrittlichen. 

Schon seit den 1920er Jahren versuchte man sich der Ohnmachtsgefühle gegenüber psychischen Erkrankungen zu erwehren. Zunehmend spielten im wirtschaftlichen Niedergang der Weimarer Republik aber auch Kosten-Nutzen-Erwägungen eine Rolle. 
Der damalige Klinikdirektor Jahrmärker gehörte neben vielen anderen zu den ausdrücklichen Befürwortern, pries das Gesetz in einem Vortrag vor dem nationalsozialistischen Ärztebund als „Kulturtat“.  

Als Erbkrankheiten aufgefasst wurden Schizophrenien, manisch-depressives Irresein, angeborener Schwachsinn, Epilepsien sowie körperliche Behinderungen. Dass die Zwangssterilisation auch in Marburg besonders in den Jahren 1934 bis 1937  vehement betrieben wurde, muss auch vor dem Hintergrund gesehen werden, dass Entlassungen vor einer Überprüfung durch die Erbgesundheitsgerichte verboten waren. Zusätzlich waren viele Fälle zur Beobachtung und Prüfung zwangseingewiesen, sodass ständig Überbelegungen zu verzeichnen waren.
Prof. Jahrmärker (im Amt von 1915 bis 1937) war übrigens nie Mitglied der NSDAP, von dort wurde ihm bescheinigt, er sei „verknöchert und konservativ“.  

Nr. 7 - Gutshof zur Selbstversorgung

Bis in die 60er Jahre hinein existierte hier ein Gutshofbetrieb, der als Arbeitsplatz für Patienten genutzt wurde und zu deren Versorgung beitrug. 1945 hatte die Landesheilanstalt noch 200 Morgen Land, 8 Pferde, 17 Kühe, 50 Schweine und 20 Schafe.

Erläuterung:

Der Gutshof war direkt mit der Errichtung der Heilanstalt 1876 aufgebaut worden, die damals ja von Ackerland und Wiesen umgeben war. Dies entsprach den Vorstellungen von Direktor Cramer von der heilenden Wirkung der ländlichen Lebensweise, sodass die Feldarbeit auch bevorzugte Beschäftigungstherapie war.

Zusätzlich aber war der Gutshof auch ein wesentlicher Faktor in der Selbstversorgung der Anstalt. Zeitweise wurde im Park selbst auch Gemüse angebaut. Gemüseanbau und Landwirtschaft retteten über Hungerzeiten im 1. Weltkrieg, während der Weltwirtschaftskrise und im 2. Weltkrieg hinweg, sodass die Ernährungslage für die Patienten deutlich besser als zum Beispiel in Haina oder Merxhausen eingeschätzt wurde. 

Das offenbar fruchtbare Land um die Anstalt herum weckte häufiger Begehrlichkeiten von Seiten der Stadt oder von Parteiorganisationen der NSDAP, wogegen sich die Anstalt mit Verweis auf die Versorgung der Patienten wehrte. Der Gutshof wurde Mitte der 60er Jahre nach Vorgaben des Landeswohlfahrtsverbands gegen den Willen des damaligen Direktors Eicke aufgegeben.

Nr. 8 - Unterbringung von Zwangsarbeitern

Zwischen November 1940 und Mai 1942 waren in den heutigen Gebäuden 11 und 12 und den dazwischen errichteten Baracken 500 (!) Zwangsarbeiter der Stadtallendorfer Rüstungsbetriebe untergebracht. Von den Baracken, die auf diesem Wiesengelände standen, ist heute nichts mehr zu sehen.

Erläuterung:

Für die Unterbringung der kriegsgefangenen Zwangsarbeiter – meist Franzosen – nahm der Regionalverband nicht unerhebliche Mieteinnahmen von der Dynamit-Nobel-AG ein. Für die psychisch Kranken bedeutete dies bei zusätzlich weiter wachsendem Lazarettbedarf (mehr als 500 Betten) weitere Zusammenlegungen und eine Verschlechterung der Bedingungen. Im Januar 1942 lehnte Direktor Langelüddeke die zusätzlich angefragte Unterbringung von Fleckfieberkranken ab: Die Anstalt sei bereits mit 1250 Personen belegt und habe die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit erreicht.

Bei zunehmenden Transportproblemen der Bahn und Errichtung von Baracken in Stadtallendorf wurden die Zwangsarbeiter schließlich nach dort verlegt. 

Nr. 9 - Pflegenotstand

Im Jahr 1965 stellte man auf politischer Ebene fest:
- Psychiatrische Einrichtungen wurden jahrzehntelang vernachlässigt.
- Die Zahl der Patienten nimmt stetig zu.
- Es mangelt an geeignetem Personal. 
Gegen den Pflegenotstand richtete der Landeswohlfahrtsverband in Marburg in diesem Gebäude eine eigene Krankenpflegeschule ein. Auch heute noch bildet Vitos an der Schule für Gesundheitsberufe Oberhessen seinen pflegerischen Nachwuchs aus, allerdings in einem anderen Haus im Park.

Erläuterung:

In  der Zeit des „Wirtschaftswunders“ gab es kaum nennenswerte Investitionen in die psychiatrische Versorgung, obgleich die Patientenzahlen stetig anstiegen. Man hatte lediglich in den späten 1950er Jahren für eine Restaurierung der völlig heruntergekommenen Gebäude gesorgt. Vor allem fiel der Mangel an qualifiziertem Personal auf. Der Landeswohlfahrtsverband, der 1957 seine Häuser von Landesheilanstalt in Psychiatrisches Krankenhaus (PKH) umbenannt hatte, versuchte dem mit der Einrichtung eigener Krankenpflegeschulen zu begegnen. Auch andere Maßnahmen wie Betriebsfeste oder Betriebssportgruppen sollten qualifiziertes Personal an die Häuser binden.

Erst 1962 wurde die „Irrenpflege“ per Gesetz Teil der  allgemeinen Krankenpflege. Zuvor hatte es bereits 1876 ausführliche Dienstinstruktionen für das „Wartpersonal“ gegeben, das mit den Patienten in einer familienähnlichen Struktur zusammenleben sollte und „den Kranken ein Vorbild sein (sollte) für Ruhe, Anstand, Freundlichkeit, Reinlichkeit und Sittlichkeit“. Wenn möglich, gab es „Kurse“ für das „Wartpersonal“ durch den ärztlichen Direktor oder die Oberärzte.
 

Nr. 10 - Die Schließung droht

In der wirtschaftlichen Not nach dem 1. Weltkrieg war 1924 bereits die Schließung der Marburger Heilanstalt beschlossen worden. Die 1876 errichtete klinische Abteilung für weibliche Patienten wurde, wie auch andere Gebäude auf der „Frauenseite“, daraufhin an eine „mitteldeutsche Betriebsgesellschaft“ vermietet. Durch die Einrichtung einer „Mattenflechterei“ in den Kellerräumen sowie verschiedener Werkstätten in anderen Gebäuden konnte die Selbstversorgung der Anstalt erheblich verbessert werden und die Kosten gesenkt werden. Die Schließung war damit abgewendet. 

Erläuterung:

Gründe für die drohende Schließung waren einerseits die sinkenden Patientenzahlen, infolge der hohen Sterblichkeit im Laufe des ersten Weltkriegs. Zum anderen aber auch die hohen Kosten der Marburger Heilanstalt gegenüber den Pflegeanstalten Haina und Merxhausen im Zusammenhang mit der galoppierenden Inflation. Direktor Jahrmärker und die Mitarbeiter wehrten sich vehement dagegen, mussten jedoch Sparvorschläge machen und umsetzen wie zum Beispiel Personalabbau, Kürzung der Gehälter, Abgabe von Patienten an Haina und Merxhausen und Zusammenlegungen, um Heizkosten zu sparen.

Die bereits 1876 begonnene Beschäftigungstherapie in den Werkstätten im  Souterrain  fast jeden Gebäudes  (Mattenflechterei, Schusterei, Schneiderei etc. ) wurde intensiviert, sodass neben der Versorgung der Anstalt über Heimarbeit Entgelte erzielt wurden.
 

Nr. 11 - Patientinnen erster Klasse

1876 wurde in Marburg für Männer und Frauen jeweils ein Pensionat für eine „mäßige Zahl Geisteskranker aus besseren Ständen“ errichtet. Im heutigen Gebäude der Ambulanz wurden damals „Patientinnen erster Klasse“ untergebracht. Während des ersten Weltkrieges traf die allgemeine Not besonders die Anstaltsinsassen. Auch in Marburg stiegen die Sterberaten drastisch durch die Ausbreitung von Infektionskrankheiten. Die Aufnahmezahlen gingen stark zurück, insbesondere verzichtete man auf die Aufnahme von „Patienten erster Klasse“. Sie konnten nicht mehr entsprechend versorgt werden.

Erläuterung:

Haus 3 (heutige Ambulanz) ist erhalten als eines der beiden Pensionate zur Behandlung von Patienten aus „besseren Ständen“, die der Anstalt etwas vorgelagert  und großzügiger ausgestattet waren.

Patientinnen von Frauen I zeigten zumeist  „nervöse Leiden“ oder „schwermütige Stimmung“, die oft in Zusammenhang mit Unzufriedenheit in der Ehe oder einer Berufstätigkeit in Verbindung gebracht wurde. Letzteres schrieb man der geringeren physischen und psychischen Belastbarkeit von Frauen zu. Die Heilmethoden waren durchaus psychotherapeutisch, man versuchte Abstand aus belastenden Situationen herzustellen, die Ärzte boten eine „Gesprächstherapie“ an.
 
Diese Patientinnen und Patienten verlor man im Lauf des ersten Weltkriegs, während dem in Deutschland mehr als 400.000 und in den deutschen Anstalten ca. 70.000 Menschen an Hunger und Infektionskrankheiten starben. Die Landesheilanstalt musste 4 von 15 Gebäuden wegen Personalmangel, Mangel an Heizmaterial und Problemen mit der Wasserversorgung schließen. Zeitweise gab es täglich nur für zwei Stunden fließendes Wasser.

Durch den Gutshof konnte die Nahrungsmittelversorgung zunächst noch aufrechterhalten werden. Dann jedoch gab es Futtermangel, der Viehbestand musste reduziert werden und neu aufgenommene Patienten litten oft schon unter hochgradiger Unterernährung. Die Sterberaten stiegen von 4,6% 1913 auf 15% 1918.

Nr. 12 - Psychiatrie-Enquete

1973 berichtete die Sachverständigenkommission zur Erarbeitung einer Psychiatrie-Enquete von den elenden, zum Teil als menschenunwürdig zu bezeichnenden Umständen in psychiatrischen Krankenhäusern. Etwa gleichzeitig beklagten auch die hiesigen Mitarbeiter über die Presse die untragbare chronische Überbelegung mit Not- und Bodenbetten. Mit den Mitteln eines 1979 vom Bundestag beschlossenen Modellprogramms wurden auch in Marburg neue Krankengebäude, ein Ergotherapiezentrum, die Institutsambulanz und die Tagesklinik errichtet.

Erläuterung:

Im März 1973 war im Magazin Stern der schockierende Bericht „Als Pfleger in der Schlangengrube“ über das PKH Gießen erschienen (heute: Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen). Im September 1973 hieß es in der hiesigen Presse: „Die Atmosphäre ist darüber hinaus angefüllt von Aggressionen unglücklicher Kreaturen, die an das Wunder der Heilung glaubten und doch das Opfer einer gleichgültigen Öffentlichkeit (wurden) und zweifellos noch immer das letzte Rad am Wagen unserer Gesellschaft darstellen.“

Vielleicht erstmals nach 1876 gab es auch für das Psychiatrische Krankenhaus Marburg nennenswerte Investitionen aus dem mit 500 Millionen DM bestehenden Modellprogramm, die ab ca. 1983 nennenswerte Enthospitalisierungen ermöglichten und  anderen Konzepten Raum gaben, die über die bloße Mangelverwaltung und Verwahrung hinaus gingen.
 

Nr. 13 - Vitos Gießen-Marburg

Vitos Gießen-Marburg gehört heute zu den größten psychiatrischen Fachkrankenhäusern in Hessen. Pro Jahr  werden mehr als 25.000 Patienten in den zugehörigen Kliniken, Tageskliniken und Ambulanzen in Marburg und Gießen betreut. Träger ist der Landeswohlfahrtsverband Hessen, deshalb sind die Einrichtungen von Gemeinnützigkeit geprägt.

Im Vitos Park Marburg befinden sich neben der Klinik für Erwachsenenpsychiatrie auch die Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg (ehemals Klinik Lahnhöhe), die Begleitenden psychiatrischen Dienste sowie die hauseigene Schule für Gesundheitsberufe Oberhessen. 

Das möchten wir Ihnen mit auf den Weg geben: 

Der Historische Pfad hat sie durch unsere wunderschöne Parkanlage, an historischen Gebäuden vorbei und durch viele Zeitläufe geführt. Es sollte deutlich geworden sein, dass das „Anstaltsleben“ immer auch von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen abhängig war. Dem unterworfen war auch der Blick auf den einzelnen Kranken bis hin zu einem Verlust der Achtung vor menschlichem Leben in Kriegszeiten, zugespitzt in den Krankenmordaktionen im Nationalsozialismus.

Dies zu erinnern und zu verdeutlichen ist  Sinn und Zweck des Historischen Pfades. Er soll helfen, zu einem von gesellschaftlichen Einflüssen unabhängigen, dem einzelnen Kranken verpflichteten Standpunkt zu gelangen. „Mensch achte den Menschen“ fasst dies die Inschrift der Gedenkstätte Hadamar zusammen.

Buchtipp für alle Interessierten, die sich weiter ins Thema einlesen wollen:

Peter Sandner, Gerhard Aumüller, Christina Vanja (Hg.): Heilbar und nützlich - Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg an der Lahn. 2001 Jonas Verlag für Kunst und Literatur GmbH.

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