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Gemeinsames Zeichen gegen das Vergessen

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Gießen-Marburg gGmbH

Förderverein Psychiatriemuseum, Künstler/-innen für Menschenrechte und Vitos Gießen-Marburg erinnern am 1. September an den Krankenmord in Hessen

© Vitos Gießen-Marburg
Die Anwesenden gedenken den Opfern (v.l.): Dr. Michael Putzke (Vorsitzender), Dr. Esther Abel (stv. Vorsitzende), Wennemar Rustige (Künstlerbund), Marion Reeh (Vorstandsmitglied & Schriftführerin), Herwig Groß (Leiter Gedenkausstellung), Maryam Abdolahi (Künstlerbund), Dr. Philipp Kirchner (Geschäftsführer Vitos Gießen-Marburg), Maggie Thieme (Künstlerbund)

Gießen, 1. September 2026. Vitos Gießen-Marburg, der Förderverein Psychiatriemuseum/Gedenkausstellung Gießen e. V. und die „Künstler/-innen für Menschenrechte“ nahmen den 1. September zum Anlass, an die Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde zu erinnern. Zwischen 1934 und 1945 wurden in zahlreichen Einrichtungen, den Rechtsvorgängern von Vitos, Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen zwangssterilisiert und ermordet.

Der 1. September markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs und steht zugleich für die Umsetzung der von den Nationalsozialisten propagierten sogenannten „Euthanasie“. Diese richtete sich gegen Menschen mit psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen sowie gegen sozial ausgegrenzte Personen, deren Lebensweise nicht der NS-Ideologie entsprach.

Schweigeminute am Mahnmal
Gemeinsam gedachten die Geschäftsführung von Vitos Gießen-Marburg, der Vorstand des Fördervereins Psychiatriemuseum sowie die „Künstler/-innen für Menschenrechte“ aus Marburg der ermordeten Patientinnen und Patienten. Am Mahnmal auf dem Klinikgelände in Gießen hielten Dr. Philipp Kirchner, Geschäftsführer von Vitos Gießen-Marburg, Dr. Michael Putzke, Vorsitzender des Fördervereins, seine Stellvertreterin Dr. Esther Abel, Herwig Groß, Leiter des Psychiatriemuseums und der Gedenkausstellung, sowie Vorstandsmitglied und Schriftführerin Marion Reeh gemeinsam mit Wennemar Rustige, Maggie Thieme und Maryam Abdolahi von den Künstler/-innen für Menschenrechte eine Schweigeminute ab. „Rund 300.000 Menschen wurden Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde. Diese erschütternde Zahl macht deutlich, wohin Ausgrenzung und die Missachtung von Menschenwürde führen können. Deshalb ist das Erinnern auch heute wichtiger denn je“, betonte Dr. Michael Putzke im Anschluss.

Ein exemplarisches Schicksal: Berta H.
Berta H. wurde am 7. Oktober 1899 in Friedberg geboren. Sie war Verkäuferin, ledig und hatte vier Geschwister. Als kleines Kind hatte sie Krämpfe. Im Dezember 1921 wurde sie von ihrem Vater in die damalige Heil- und Pflegeanstalt gebracht. Laut Patientenakte geschah dies, „da Pat. zu Hause unmöglich war“.

Die Krankenakte enthält in den Folgejahren zahlreiche diffamierende und wertende Einträge. So heißt es 1929: „Läppische Verblödung. […] Beschäftigt sich zeitweise mit Fäden ziehen, sonst zu keiner Arbeit zu gebrauchen.“ Nachdem sie im Oktober 1940 als „schizophrener Endzustand“ eingestuft worden war, wurde Berta H. am 21. März 1941 nach Weilmünster verlegt. Weilmünster war während der Gasmordphase der NS-„Euthanasie“ eine sogenannte Zwischenanstalt. Von dort wurden die Patienten in die Tötungsanstalten gebracht. Berta H. wurde am 24. April 1941 von Weilmünster nach Hadamar verlegt und am gleichen Tag in der Gaskammer ermordet.

In Hadamar fielen der NS-„Euthanasie“ zwischen 1941 und 1945 etwa 15.000 Menschen zum Opfer.

Förderverein unterstützt Erinnerungsarbeit in Gießen
Der Förderverein Psychiatriemuseum/Gedenkausstellung Gießen e. V. wurde 2017 gegründet, um die Arbeit des Museums zur Geschichte der Psychiatrie ideell und finanziell zu unterstützen. Seit seiner Gründung wird der Verein von Vitos Gießen-Marburg begleitet und gefördert.„Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Psychiatrie und den Verbrechen der NS-Zeit gehört zu unserer Verantwortung als Gesundheitsunternehmen. Der Förderverein trägt wesentlich dazu bei, dieses Wissen zu bewahren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, erklärte Dr. Philipp Kirchner, Geschäftsführer von Vitos Gießen-Marburg.

Kooperation mit den „Künster/-innen für Menschenrechte“ 
Die „Künstler/-innen für Menschenrechte“ oder auch Künstlerbund sind ein Zusammenschluss von zehn Kunstschaffenden, die sich seit 2021 mit den Themen Erinnerungskultur und Menschenrechte auseinandersetzen. Ausgelöst durch eine Führung auf dem Gelände der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Gießen entstand die Idee, die Gedenkausstellung des Psychiatriemuseums durch künstlerische Arbeiten zu ergänzen. Heute umfasst die Dauerausstellung fünf Räume. Im Jahr 2024 wurde sie mit dem zweiten Platz des Kulturförderpreises des Landkreises Gießen ausgezeichnet. Mit weiteren Ausstellungen, unter anderem in der Alten Synagoge Buseck, auf dem Schiffenberg und in der Diözesanbibliothek Münster, macht die Gruppe auf historische und aktuelle Menschenrechtsverletzungen aufmerksam.

Psychiatriemuseum Gießen öffnet regelmäßig seine Türen
Die Gedenkausstellung „Vom Wert des Menschen. Die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Gießen 1911 bis 1945“ wurde am 21. März 1998 auf dem Gelände der heutigen Vitos Klinik in Gießen eröffnet. Sie befindet sich im Untergeschoss von Haus 10 (Licher Straße 106) und wird vom ehemaligen Oberarzt und Museumsleiter Herwig Groß betreut. Darüber hinaus bietet er historische Führungen über das Klinikgelände an. Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte der Gießener Heil- und Pflegeanstalt während der Zeit des Nationalsozialismus. Zudem ist dort eine Dauerausstellung der „Künstler/-innen für Menschenrechte“ zu sehen. Interessierte können die Ausstellung jeden ersten Samstag im Monat von 14 bis 17 Uhr kostenfrei besuchen.

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