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Wie Smartphone, Tablet & Co. unsere Kinder verändern

Datum:
Fachbereich:
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Gesellschaft:
Vitos Gießen-Marburg gGmbH
Dr. Christian Wolf, Klinikdirektor der Vitos Klink Lahnhöhe in Marburg. (Foto: Vitos Gießen-Marburg)

Marburg, 2. April 2019. Seit 20 Jahren ist Dr. Christian Wolf Direktor der Vitos Klinik Lahnhöhe in Marburg. In dieser Zeit hat sich im Alltag seiner Patienten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie einiges verändert. Die intensive Nutzung von Smartphone und Tablet hat Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. „Neue Technik beeinflusst bei manchen die Fähigkeit, in der realen Welt Beziehungen einzugehen“, so Dr. Wolf. „In der Therapie bringt sie aber auch große Chancen.“

„Wir sehen bei uns in der Ambulanz zunehmend Kinder, die nicht mehr in der Lage sind, sich in Gruppen zurecht zu finden“, erläutert Dr. Wolf. Das beginne oft schon im Alter von sechs Jahren. Einer der Gründe: Tablet und Smartphone sind im Alltag der Familien ständige Begleiter und beeinflussen das Sozialverhalten.

Verflachte Sinneswahrnehmung

Spezielle Apps sind schon für Kinder ab einem Jahr verfügbar. Schnell werden so bereits die Kleinsten mit der digitalen Welt vertraut. Diese bietet ihnen alle möglichen Erlebnisse – oft schon bevor sie wichtige Erfahrungen in der realen Welt gemacht haben. „Viele ältere Kinder haben noch nie ein echtes Häschen gestreichelt oder eine Kuh gesehen, auf dem Tablet aber schon“, so Dr. Wolf. Das Ergebnis: Sinneseindrücke werden verflacht zu früh gesammelt, ohne dass sie in der realen Erlebniswelt verankert sind. „Ein Pferd reagiert jedoch in der Realität ganz anders als im Spiel auf einem Tablet.“ Das gilt natürlich auch für Menschen.

Ein weiteres häufiges Phänomen: Eltern, die auf dem Spielplatz nur Augen für ihr Handy haben und kaum für ihren Nachwuchs. „Manche Kinder müssen sich lautstark bemerkbar machen, um beachtet zu werden“, so Dr. Wolf. „Aufmerksamkeit gibt es häufig nur, wenn ein tolles Handyfoto gemacht werden soll.“

Aktiv Anteil am Leben des Kindes nehmen

Immer mehr Kinder haben so in frühen Jahren schon Defizite darin, zu lernen, wie man eine Beziehung zu anderen Menschen aufbaut. Sie erlangen teilweise nicht mehr die Sicherheit einer starken emotionalen Bindung zu den Eltern. Doch die ist für eine gesunde Psyche immens wichtig. „Wenn Kinder das Gefühl haben, dass sie nicht gesehen werden, versuchen sie, auf sich aufmerksam zu machen. Das kann auf dem Spielplatz auch durch Fehlverhalten passieren – etwa, in dem Steine geworfen werden.“ Andere wiederum reagieren eher in sich gekehrt und denken, sie seien nicht wichtig. Das kann im schlimmsten Fall ein Nährboden für Angststörungen oder Depressionen sein.

Zu einer guten Eltern-Kind-Beziehung gehört, dass die Eltern aktiv Anteil am Leben ihres Kindes nehmen – möglichst von Anfang an und ohne zu kontrollieren. Wenn Mütter oder Väter nicht wissen, wie die besten Freunde ihres Kindes heißen, welche Spiele sie am liebsten spielen oder wer ihre Idole sind, ist das ein Warnzeichen. Ebenso, wenn sich die Kinder plötzlich in ihrem Verhalten verändern, aggressiv werden oder sich völlig zurückziehen. Oder wenn die Leistung in der Schule abfällt.

Professionelle Hilfe suchen

Dann ist es Zeit, sich professionelle Hilfe zu suchen. Anlaufstellen bieten in diesem Fall die Ambulanzen der Vitos Klinik Lahnhöhe in Marburg und Alsfeld. In einem Erstgespräch wird hier erörtert, ob professionelle Unterstützung nötig ist oder nicht.

Wenn es um die Behandlung von psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen geht, birgt die Digitalisierung in der Zukunft indes völlig neue Chancen, betont Dr. Wolf: Die Kommunikation per E-Mail oder Messenger könnte bei Patienten Wartezeiten überbrücken helfen oder niederschwellig einen ersten therapeutischen Kontakt zur Behandlungsmotivation herstellen. Bei Belastungserprobungen könnten Patienten vom Therapeuten online begleitet werden. Auch gibt es bereits erste Versuche mit Virtual Reality in manchen psychiatrischen Kliniken für Erwachsene, um zum Beispiel Betroffene mit Angststörungen mit ihren Ängsten zu konfrontieren.

„Vieles ist noch Zukunftsmusik, wir ,digital immigrants‘ laufen den Entwicklungen in digitalen Welten hinterher, in denen die ,digital natives‘ längst zuhause sind“, sagt der Klinikdirektor. „Es geht uns nicht darum, digitale Kommunikation zu verteufeln, sondern sie vernünftig zu nutzen.“

Zur Person

Dr. Christian Wolf ist seit 1999 Klinikdirektor der Vitos Klinik Lahnhöhe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, außerdem Ärztlicher Direktor der Vitos jugendforensischen Klinik Marburg. Seit 2008 ist er Sprecher der Klinikdirektoren der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie für Vitos und für das Bundesland Hessen. Die Vitos Klinik Lahnhöhe versorgt Mittel- und Osthessen ambulant, teil- und vollstationär. Dazu stehen am Standort Marburg 62 Betten und 7 tagesklinische Plätze sowie am Standort Alsfeld 12 tagesklinische Plätze zur Verfügung. An beiden Standorten gibt es zudem ein ambulantes Versorgungsangebot.

Die vollständige Pressemitteilung zum Download.

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