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Coronavirus: Einfluss von Nachrichten auf die Psyche

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Haina gGmbH

Mehr als 400.000 Corona-Infektionen weltweit, 150 Todesfälle in Deutschland, zehntausende Menschen bangen um ihren Arbeitsplatz: die Nachrichtenlage ist derzeit bedrückend. Welchen Einfluss Nachrichten auf die Psyche haben und warum vor allem den „klassischen“ Medien wie Tageszeitungen und Nachrichtensendungen in Corona-Zeiten eine wichtige Bedeutung zukommen, erklärt Dr. Svenja Kräling, leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

Corona-News© Jon Tyson via Unsplash

Das Informationsbedürfnis ist groß. Und das Angebot riesig: Tageszeitung, Fernsehen, Social Media. Wieviel News verträgt ein Mensch am Tag?

Kräling: Pauschal kann man das nicht beantworten. Aber grundsätzlich sollten wir uns alle hin und wieder die Frage stellen: Wie viele Informationen tun mir eigentlich gut? Denn der Mensch ist nicht dafür gemacht, ständig „auf allen Kanälen“ Reize zu empfangen. Das führt zu einer Stresssituation für unsere Aufmerksamkeit und die Verarbeitungsprozesse. Aktuell werden wir mit Eindrücken nur so überschüttet, ständig Corona-Sondersendungen auf allen Kanälen. Viele Menschen reagieren überfordert und wissen gar nicht so richtig, „wohin“ mit den ganzen Inhalten. Vor allem dann, wenn es sich um schlechte Nachrichten handelt.

Ist in Zeiten wie diesen eine bewusste Mediennutzung wichtiger als sonst?

Kräling: Eindeutig ja. Wenn wir nicht beschränken, was an medialen Eindrücken auf uns einprasselt, ist nicht nur unser Gehirn, sondern auch unsere Psyche überfordert. Denn die ganzen Informationen müssen ja nicht nur geistig, sondern auch emotional verarbeitet werden. Daher sollte sich jeder gut überlegen, wann, in welchem Umfang und welche Medien man konsumieren möchte. Gerade Menschen, die sich schlechte Nachrichten sehr zu Herzen nehmen, sollten sich vielleicht auf eine Nachrichtensendung pro Tag oder das morgendliche Lesen ihrer Tageszeitung begrenzen.

Spielt dabei auch eine Rolle, woher ich meine Informationen beziehen –  Zeitung, Tagesschau oder Facebook?

Kräling: Im Internet lassen sich die vielfältigsten Informationen, Meinungen und Eilmeldungen zur aktuellen Krise finden. Wer spezifische Informationen sucht ist hier sicher richtig. Gerade Social Media sind aber eben auch so konstruiert, dass sie uns mit ständig neuen Reizen ködern, dranzubleiben. Abschalten fällt vielen schwer. Auch ist es für den Nutzer häufig unmöglich, den Überblick bei der Vielzahl an Einzelinformationen zu behalten. In den „klassischen“ Medien sind die Inhalte redaktionell aufbereitet, es wird auf eine ausgewogene Berichterstattung wertgelegt und diese in einen großen Zusammenhang gestellt. Aber egal ob Digital, TV oder Print: Achten sie auf die Qualität der Informationen und geben sie seriösen Quellen den Vorzug.

Positive Nachrichten sind aktuell selten. Was macht die Flut an bedrohlich oder negativ empfunden Informationen mit einem Menschen?

Kräling: Betrachtet man die Art und Weise, wie unser Gehirn mit Informationen umgeht, sind wir eigentlich immer noch Steinzeitmenschen: unsere Aufmerksamkeit richtet sich erstmal auf solche Reize, die als „Gefahr“ gedeutet werden. Dies dient dem Überleben, führt aber leider auch dazu, dass wir negative Signale eher wahrnehmen als positive. Unsere Aufmerksamkeit funktioniert dabei wie eine Lupe: schlechte Nachrichten überschatten häufig die ebenfalls existierenden positiven Meldungen. Um gegenzusteuern können wir unser Aufmerksamkeit aber auch bewusst auf positive Aspekte wie die vielen Corona-Solidaritätsaktionen richten.

Welche Rolle spielt es dabei, ob ich nur Nachrichten konsumiere – oder ob ich die Informationen auch reflektiere. Mich auch vielleicht innerhalb der Familie in Gesprächen mit der aktuellen Krise auseinandersetze?

Kräling: Letzteres ist deutlich die bessere Variante. Ich selbst kenne das ja auch: häufig ist man nach neuen Informationen, zum Beispiel zur Corona- oder Klima-Krise erstmal verunsichert, welche Auswirkungen das auf das eigene Leben haben wird. Bleibt man damit alleine, macht sich der Kopf schnell selbständig und „katastrophisiert“ die Konsequenzen dieser Meldung für das eigene Leben. Daher ist es immer sinnvoll, den eigenen Eindruck mit dem anderer abzugleichen, sich auszutauschen und sich im Gespräch auch emotional zu unterstützen. Denn diese soziale Funktion einer Gruppe kann keine andere Nachrichtenquelle ersetzen: Zusammenhalt zu erleben und sich gegenseitig Zuversicht zu vermitteln.

Zur Person: Dr. Svenja Kräling

Dr. Svenja Kräling (38) ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Ihr Studium und die nachfolgenden Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin (VT) hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Seit 2009 ist sie in der Hainaer Klinik therapeutisch tätig.

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