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Was die Corona-Krise für Kinder bedeutet

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Haina gGmbH

Die Kontaktsperre bleibt über die Osterferien hinaus bestehen. Wann Kindergärten wieder öffnen, ist nicht absehbar. Und auch Schulen haben noch mindestens eineinhalb Wochen geschlossen. Was die Corona-Krise für Kinder bedeutet, erklärt Dr. Svenja Kräling, leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

© CDC via Unsplash

Kein Kindergarten, keine Schule, keine Verabredungen – und das schon seit mehreren Wochen: Was bedeutet die dauerhafte Kontaktsperre für Kinder?

Kräling: Kinder sind noch mehr als wir Erwachsene den täglichen Austausch mit Gleichaltrigen gewöhnt. Daher bedeutet eine weitest gehende Kontaktsperre Stress für den Nachwuchs. Als Mutter erlebe ich täglich hautnah mit, wie sehr den Kindern ihre Freunde und andere Bezugspersonen fehlen. Trotzdem sollten Eltern nicht versuchen, den Kindern diesen Stress „abzunehmen“ - durch die Beschäftigung mit Fernseher, Handy oder Spielkonsole. Denn Kinder sind unheimlich anpassungsfähig und Langeweile ist eine wichtige Voraussetzung für Kreativität. So entstehen aus dem vermeintlichen Stillstand häufig neue Spiele und Ideen, den Tag doch noch gut rumzukriegen.

Wie sollte die Frage beantwortet werden, wann endlich wieder Schule oder Kindergarten ist und wann wieder Verabredungen möglich sind?

Kräling: Ich bin keine Ärztin und kann somit die medizinische Debatte nicht führen. Aber als Psychologin sehe ich bei all der berechtigen Sorge um Risikogruppen auch die reale Bedrohung der psychischen und physischen Gesundheit von Kindern in überforderten Familien. Die Dunkelziffer von Gewalt und Missbrauch ist ohnehin erschreckend hoch und zurzeit ist durch die Schließung von Schulen und Kitas der Einblick in gefährdete Familien zusätzlich erschwert. Eine baldige Öffnung von Betreuungseinrichtungen könnte hier den Zugang wieder erleichtern.

Die fehlenden Kontakte zu Gleichaltrigen sind das eine. Aber die Kinder merken doch sicherlich auch, dass sich ihre Eltern sorgen. Oder sie bekommen mit, dass das Coronavirus gefährlich ist. Wie lässt sich verhindern, dass Kinder nicht in ständiger Angst leben? 

Kräling: Den Eltern kommt eine wichtige Vorbildfunktion zu. Wenn Kinder erleben, dass die Eltern zwar angemessen vorsichtig sind, aber nicht panisch, ist das ein wichtiges Signal. Kinder orientieren sich an ihren Eltern als Gradmesser für Gefahr. Daher ist es sinnvoll, dass die Eltern versuchen, trotz aller Einschränkungen möglichst viel normale Tagesstruktur und Rituale beizubehalten. Alles was Struktur hat, bringt Ordnung und Sicherheit. In all dem täglichen Chaos und der ständigen Improvisation im Familienleben einen roten Faden zu erkennen, tut nicht nur den Kindern gut, sondern auch uns Erwachsenen.

Wird die Corona-Krise Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung haben?

Kräling: In einigen Jahren wird es sicher Studien geben, die genauere Aussagen liefern. Spontan würde ich sagen, dass psychisch gesunde Kinder in stabilen Familiensystemen sicher keine negative Entwicklung durch die Corona-Isolation davontragen werden. Kinder verfügen generell über eine hohe Anpassungsfähigkeit und Resilienz, können aus überwundenen Krisen sogar gestärkt hervorgehen. Generell gilt jedoch: Je mehr negative Einflussfaktoren auf ein Kind einwirken und je länger dies andauert, umso wahrscheinlicher kann es zu einer Fehlentwicklung kommen. Doch selbst in diesem Fall besteht immer noch die Möglichkeit, durch Ausgleich von Defiziten, gezielte Förderung und Therapie die ungünstige Entwicklung positiv zu beeinflussen.

Vielen Kindern fehlen vor allem die Treffen und das gemeinsame Spiel mit Freunden. Wie können Eltern dies kompensieren?

Kräling. Wir Eltern können gleichaltrige Freunde nicht ersetzen, sondern höchstens eine zweitrangige Alternative bieten. Glücklich schätzen kann sich da, wer mehrere Kinder hat, die sich miteinander beschäftigen können. Sollte dies nicht möglich sein, sollten Eltern versuchen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten und auf Augenhöhe mit dem Kind zu beschäftigen. Was macht ihm oder ihr Spaß? Wozu bleibt sonst keine Zeit? Was haben Mama oder Papa früher gerne gemacht, als es Handy, Playstation und Internet noch nicht gab? Lassen Sie sich auf die Ideen der Kinder ein oder nehmen Sie die Kleinen mit auf eine Zeitreise in Ihre Kindheit und Jugend –  das wird nicht nur den Kindern Freude machen!

Zur Person: Dr. Svenja Kräling

Dr. Svenja Kräling (38) ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Ihr Studium und die nachfolgenden Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin (VT) hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Seit 2009 ist sie in der Hainaer Klinik therapeutisch tätig.

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