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Die Kurve bekommen

„Ich bin durch die halbe Republik gereist“. Joachim L.* hat eine Odyssee durch die deutsche Ärztelandschaft hinter sich. Grund dafür waren seine nicht nachlassenden Rückenschmerzen. Heute geht es ihm besser. Völlig schmerzfrei ist er noch nicht, aber er kann wieder klar denken. Und er hat, wie er sagt, ein Pack-Ende gefunden. Der 47jährige erzählt von seinen Erfahrungen in der Vitos Klinik für Psychosomatik Herborn.

Krankheit oder Schmerzen sind für den drahtigen Mann nie ein Thema gewesen, mit dem er sich ernsthaft beschäftigen musste. Aktiv, leistungsstark und zuversichtlich ist er durch das Leben gegangen. Bis vor vier Jahren hatte er in seinem gesamten Berufsleben nur drei Tage wegen Krankheit gefehlt. Wer über so eine robuste Gesundheit verfügt, kann sich glücklich schätzen. So ging es auch Joachim, bis er quasi aus heiterem Himmel Schmerzen im Lendenwirbelbereich bekam. Die Schmerzen kamen und sie blieben. Was nicht kam, war eine klare Diagnose. Die Ursache der Beschwerden ließ sich nicht finden. Er konsultierte zahlreiche Ärzte und Koryphäen auf diesem Gebiet. Doch keiner der Fachleute konnte einen körperlichen Befund ausmachen, der den Umfang und die Stärke der Schmerzen erklärte. Um es überhaupt noch noch aushalten zu können, wurden ihm stetig stärkere Medikamente verschrieben. Seit geraumer Zeit nimmt er Opiate. Dennoch bestimmen die Schmerzen sein Leben und sind chronisch geworden. Sechs bis sieben Wochen im Jahr kann er deswegen nicht zur Arbeit gehen.

Das Leiden wurde lebensbeherrschend. Joachim empfand die Schmerzen als Attacke des Körpers auf seine Person. Er hatte, wie er selbst beschreibt, dafür kein „Steuerelement“ mehr. 2016 war er zur stationären Behandlung in einer Frankfurter Klinik. Hier kam man zum ersten Mal auf die Idee, seine Beschwerden aus der psychosomatischen Perspektive zu betrachten. Also im Zusammenhang von Seele und Körper. Joachim braucht aber noch etwas Zeit, bis er sich darauf einlassen kann. Schließlich ist der Leidendruck so groß, dass ihm seine Hausärztin einen stationären Aufenthalt in der Herborner Psychosomatik nahelegte. Der Gedanke an einen längeren Klinikaufenthalt stimmte ihn nicht gerade fröhlich. Er scheute sich davor, längere Zeit aus dem Alltag herausgerissen zu werden. Doch für ihn war emotional und körperlich der Rand der Klippe erreicht. Er war an einem Punkt, wo er sich gedanklich mehr mit dem „Wegsein“ beschäftigte als mit dem „Hiersein“. Seine Ärztin sagte ihm vor der Einweisung, dass für einen erfolgreichen Aufenthalt Veränderungen nötig sein werden, Joachim war dazu bereit.

Heute, am Tag seiner Entlassung, ist er sehr froh, sich für einen Klinikaufenthalt entschieden zu haben. Gerade die längere und räumliche Distanz zum Alltag habe geholfen, Abstand zugewinnen. Zudem erlebte er den intensiven Beistand sehr positiv: „Tag und Nacht war – wenn nötig – jemand für mich da. Ich habe das Team von Ärzten, Pflegern und Therapeuten als sehr zugewandt und verständnisvoll erlebt. Ihre Grundhaltung würde ich mit `Menschenliebe` beschreiben.“

Elf Wochen in der Klink liegen hinter ihm. Es ist ihm gelungen, in dieser Zeit Angriffspunkte für Verbesserungen zu finden, die er vorher nicht sah oder fühlte. Joachim spricht von einem „Blumenstrauß“ an therapeutischen Angeboten, die ihm in ihrem Zusammenspiel geholfen haben. Welcher einzelne Bestandteil davon speziell oder besonders hilfreich war, vermag er nicht zu sagen. In der Einzelpsychotherapie gelang es ihm, den seelischen Ursachen für seine Schmerzen auf den Grund zu gehen. Er deutet an, dass ein Missverhältnis von Arbeit und Freizeit und damit zu viel emotionaler und zeitlicher Raum für den Beruf einer der Gründe sei. Im eigenen Tempo konnte er sich den Dingen annähern. Sehr hilfreich empfand er auch die Gruppentherapie und die Einbindung in die Patientengemeinschaft. „Man erfährt Solidarität. Zudem stärkt der Austausch mit anderen Betroffenen die Fähigkeit, sich selbst zu helfen.“ Aber auch hier, so betont Joachim, bestimme der Patient selbst, in welchem Grad und Tempo er sich einbringen möchte. Auch von den kreativtherapeutischen Angeboten wie Musik- und Maltherapie berichtet er positiv. Sie unterstützten ihn darin, sich mental vom Schmerz zu entfernen und so seine Gedanken wieder freier laufen zu lassen.

Am Tag der Entlassung sieht Joachim L. zuversichtlich,  aber auch voller Respekt in die Zukunft. Er kehrt in ein verständnisvolles soziales Umfeld zurück. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Mitpatienten erleben anderes. Sogar mit seinem Chef konnte er offen über den Klinikaufenthalt sprechen. Und hat bei ihm bereits ein offenes Ohr für seinen Plan, zukünftig Teilzeit zu arbeiten, gefunden.

Dennoch fragt er sich, ob und wie es ihm gelingen wird, seine gute Grundverfassung in den Alltag „herüberzuretten“. Es gilt, die in der Klinik erlernten Fähigkeiten ins Private zu übertragen. Schon während seines Klinikaufenthaltes hat er eine Reha beantragt. Das sei ein stützender Gedanke. Zudem wird er sich einen Schmerztherapeuten zu suchen. Und, so sagt er, „man könne wiederkommen“. Erneut Hilfe zu suchen, sei eben kein Scheitern. Er ist froh, sich den Schritt zu einer stationären Behandlung getraut zu haben. „In dem Verb `trauen` steckt auch Vertrauen“, so Joachim, „man muss vertrauen und die Hilfe anderer annehmen – auch über die körperliche Behandlung hinaus.“ Diesen Appell richtet Joachim vor allem an seine Geschlechtsgenossen. Die meisten seiner Mitpatienten waren weiblich. Er wünscht sich, dass mehr Männer lernten sich zu öffnen, Berührungsängste abzubauen, ihre Probleme anzugehen und Schritte wagten, bei seelischen und psychosomatischen Krisen Hilfe anzunehmen.

* Name geändert.

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