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Wenn die eigenen Bordmittel nicht mehr reichen

Als sich Michael E.'s* Partnerin Anfang 2020 nach sieben Jahren Beziehung von ihm trennt, bricht seine Welt zusammen. Er stürzt in eine tiefe Krise, ist wütend und traurig, treibt exzessiv Sport, schläft nicht mehr und baut körperlich stark ab. Mit seinen – wie er sie nennt – positiven Wiederaufbaukräften wie Sport, Freunden und viel Ablenkung schafft es der 69-jährige Frankfurter halbwegs zurechtzukommen.

Als er dann aber wegen einer Coronaerkrankung für zwei Wochen in einem möblierten Zimmer in der Wohnung eines Freundes in Quarantäne gehen muss, bricht er zusammen und merkt, dass er Hilfe braucht. Ein Aufenthalt in der Vitos Klinik für Psychosomatik Bad Homburg bringt ihn wieder zurück ins Leben.

„Mir bleibt vor allem eine Horrornacht in Erinnerung“, sagt E., wenn er an die Zeit unmittelbar vor seinem Klinikaufenthalt zurückdenkt. „Ich saß allein in meinem Zimmer, mal wieder schlaflos, traurig und unruhig. Wegen der Quarantäne hatte ich seit mehreren Tagen keinen Besuch, war nicht mehr draußen, joggen ging nur noch auf der Stelle in meinem kleinen Zimmer, der Fernseher war die einzige Ablenkung.  In dieser Nacht musste ich mich zwingen, mich auf einen Stuhl zu setzen und mir immer wieder zu sagen:  Du bleibst jetzt hier sitzen, du tust dir nichts an, du trinkst keinen Alkohol -  ich hatte Todesangst. Da habe ich gemerkt, es geht nicht mehr allein – ich brauche Hilfe!“

Hilfe suchen

Sofort am nächsten Tag nimmt er Kontakt zu einem ihm bekannten Psychotherapeuten und einem Psychiater auf, bekommt ein Medikament verschrieben und wird in seinem Wunsch bestärkt, in eine stationäre Einrichtung zu gehen.

Die ersten Anrufe in Einrichtungen in seiner Nähe sind zunächst ernüchternd. „Bei einigen erreichte ich nur den Pförtner, andere spulten ihre Standardantworten ab, wieder andere waren gar nicht erreichbar. Ein echter Lichtblick war der Anruf beim Vitos Aufnahmeservice, erinnert sich E. Er fühlt sich sofort gut aufgehoben, seine Fragen werden professionell beantwortet. Und das beste: schon nach einer Woche Wartezeit kann er seine Therapie in der Vitos Klinik für Psychosomatik Bad Homburg beginnen. Allein das lässt ihn sofort zuversichtlicher werden: „Es gab jetzt einen Plan und ich wusste, ich bekomme Hilfe! Das tat gut.“

Sich selbst verstehen lernen

In der Klinik lernt er Schritt für Schritt seinen Blickwinkel auf seine Trauer, seine Depression und negativen Gefühle zu verändern, begreift, dass er sie nicht dauerhaft wegdrücken kann, sondern annehmen und akzeptieren muss. In therapeutischen Einzelgesprächen erfährt er viel über sich selbst, seine Art, Beziehungen zu führen, zu kommunizieren und mit Kritik und Zurückweisung umzugehen.  Dabei hilft es ihm, ein Symptomtagebuch zu führen, in dem er mehrmals am Tag seinen Spannungszustand einträgt, sich bewusst macht, wie er sich gerade fühlt und warum. Das Tagebuch führt er auch später zuhause weiter.

Besondere Menschen

Während seines sechswöchigen Aufenthaltes hat er viel Kontakt zu seinen Mitpatientinnen und Mitpatienten. „Man trifft dort viele Menschen, mit denen man im Leben draußen wahrscheinlich nie in Kontakt getreten wäre“, sagt er, „das fühlt sich manchmal auch komisch an.“  Doch sei es ganz wichtig, sich darauf einzulassen. „Und wenn du denkst dein Zimmernachbar passt nicht zu Dir, dann hilft es meistens schon, ins Gespräch zu kommen.“

Wenn E. in der Gruppentherapie sitzt und von seinem Liebeskummer erzählt, hat er anfangs das Gefühl, das ist zu banal, das ist doch gar nichts im Gegensatz zu den teilweise wirklich schweren Verlusten, von denen manch anderer berichtet.  Doch er merkt schnell, wie gut er sich in der Gruppe aufgehoben fühlt und dass das Feedback der anderen, neue Denkwege eröffnen kann. So sind es am Ende auch die Mitpatienten, an die er sich gerne erinnert und von denen er sagt: „Ich habe besondere Menschen getroffen und viel im Umgang mit ihnen gelernt.“

Es gab jetzt einen Plan und ich wusste, ich bekomme Hilfe. Das tat gut.

„Rumhopsen und bunte Bilder malen?“

Überrascht ist E. auch von der positiven Wirkung der Bewegungs- Ergo- und Musiktherapie. „Das hatte ich so nicht erwartet, hatte ein paar Vorurteile im Kopf und dachte, wir hopsen da ein bißchen rum und malen bunte Bilder.“  Er erfährt, wie gut es tut, etwas mit den Händen zu erschaffen, kann diese Erfahrung auch später mit in sein Alltagsleben nehmen. Heute ist er der erste Ansprechpartner für Freunde und Bekannte, wenn es etwas Handwerkliches zu tun gibt.   Aus der Kunsttherapie nimmt er neue Werkzeuge mit, wie er seine Gefühle ausdrücken kann – ebenso aus der Musiktherapie, ein für ihn bis dato unbekanntes Medium.

Gut gerüstet für das Leben

Nach sechs Wochen Aufenthalt geht es ihm viel besser. Wieder zuhause dauert es ein wenig, bis er sich daran gewöhnt, seinen Tagesablauf wieder selbst regeln zu müssen, er kann sich aber auf ein stabiles Netz aus Freunden und Familie verlassen. Er fühlt sich befreit und gut gerüstet für das Leben da draußen.

„Ich konnte meine eigenen Bordmittel wieder aktivieren und sogar wieder an die für mich frohmachenden Dinge anknüpfen.“ Als Rentner hat E. alle Hände voll zu tun, hilft mit auf einem Bauernhof und arbeitet ehrenamtlich in einem Kinderheim. Außerdem singt er in zwei Chören. Ein Termin beim Psychotherapeuten steht weiterhin regelmäßig in seinem Terminkalender.

(* Name geändert)

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