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Naturkatastrophen und ihre folgen für die Psyche

Datum:
Fachbereich:
Psychosomatik
Gesellschaft:
Vitos GmbH

Das Hochwasser der vergangenen Tage gilt in Deutschland als eine der schwersten Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte. Es gibt viele Tote und Vermisste. Menschen in den Hochwassergebieten in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Bayern verloren ihr Zuhause und die Grundlage ihrer Existenz. Wie schwer die psychischen Folgen für die Betroffenen sein können, schildert Dr. med. Cornelius Honold im Interview. Er ist leitender Oberarzt und stellvertretender Klinikdirektor der Vitos Klinik für Psychosomatik Heppenheim. Ein Schwerpunkt der Klinik ist die Behandlung von komplexen Traumafolgestörungen.

© Pixabay / Hermann Traub
Naturkatastrophen wie Hochwasser können für die Betroffenen schwere psychische Folgen haben.

Welche Spuren kann es in der Psyche hinterlassen, wenn Menschen eine Naturkatastrophe miterleben?

Dr. med. Cornelius Honold: Naturkatastrophen können bei den davon betroffenen Menschen zu schweren psychischen Belastungen führen. Darauf reagiert die Psyche eines jeden Menschen in einer individuellen Art und Weise. Die Psyche versucht, irgendwie mit diesem Ereignis zurecht zu kommen und aktiviert hierfür innerseelische Kräfte. Wir sprechen dabei von Resilienzfaktoren. Das sind Schutzmechanismen, die individuell ausgeprägt sind und sehr unterschiedlich sein können. Ein wichtiger Resilienzfaktor ist für viele Menschen, mit dem Erlebten nicht alleine zu bleiben. Es hilft ihnen, sich an andere Menschen zu wenden. Das können Mitglieder der eigenen Familie sein, Nachbarn, Freunde, Bekannte, aber auch professionelle Helfer wie Seelsorger oder Krisenpsychologen. Dennoch kann bei einem traumatischen Ereignis, wie es die Menschen in den Hochwassergebieten gerade erleben, die psychische Belastbarkeit im Einzelfall überschritten werden. Dann kann die so genannte traumatische Reaktion einsetzen.

Was ist darunter zu verstehen?

Dr. Honold: Bei einer traumatischen Reaktion versucht das Gehirn, eigene Wege des Umgangs mit dem Erlebten zu finden. Das kann sich dann in Symptomen wie Verzweiflung, psychovegetativer Erregung mit Schlaflosigkeit, aber auch in emotionaler Taubheit, Appetitverlust, Ängsten und Depression äußern.

Kann auch eine Posttraumatische Belastungsstörung auftreten?

Dr. Honold: Ja, das ist möglich. Zu den spezifischen Symptomen einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung gehören ständige Erinnerungen an das Ereignis mit Wiedererleben der damit verbundenen Gefühle, also beispielsweise Kontrollverlust, Hilflosigkeit, Todesangst oder ähnliches. Weitere Symptome sind Albträume, ständige Übererregtheit – also ungewöhnlich starke Nervosität, innere Anspannung, Schreckhaftigkeit – und das Vermeiden von angstauslösenden Situationen. In den ersten Tagen und Wochen verstehen wir all diese Reaktionen des menschlichen Organismus als individuellen Versuch, mit dem belastenden Ereignis irgendwie umzugehen. In dieser ersten Phase sollte nicht von einer Störung gesprochen werden. Die Betroffenen leiden zwar sehr stark, brauchen auch meist Unterstützung und Hilfe – von einer psychischen Störung sprechen wir aber erst, wenn Symptome auch nach der ersten Akutphase weiterhin bestehen bleiben, also nach einem Zeitraum von etwa zwei bis vier Wochen.

Treten die Symptome immer sofort auf oder manchmal auch erst nach einer gewissen Zeit?

Dr. Honold: Bei der Verarbeitung von traumatischen Erlebnissen gibt es verschiedene Phasen, sodass die Symptomatik oft im Zeitverlauf wechselt. Ein darauf spezialisierter Psychotherapeut sollte betroffene Personen deshalb gerade in den ersten drei bis sechs Monaten engmaschig begleiten.

Ab wann sollten sich Betroffene psychotherapeutische Hilfe suchen?

Dr. Honold: Psychotherapeutische Hilfsangebote können wir machen für alle diejenigen, die Hilfe wünschen – von der akuten Situation der ersten Tage nach der Katastrophe über spezifische Hilfen für die Zeit nach den ersten Wochen. Zudem wenden sich auch Menschen viele Monate oder sogar Jahre nach einem solchen Ereignis an uns. Ein Erstgespräch zur diagnostischen Einschätzung und Planung von therapeutischen Hilfen steht jedem in unserer Klinikambulanz offen.

Hintergrund: Die Vitos Klinik für Psychosomatik Heppenheim behandelt in ihrer Ambulanz niederschwellig Patient/-innen mit psychosomatischen Beschwerden ambulant und bietet darüber hinaus vollstationäre und tagesklinische Behandlungsplätze. Sie arbeitet eng mit der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Heppenheim zusammen, die sich im selben Gebäude befindet.

Weitere Fragen rund um die psychosomatische Behandlung bei Vitos beantwortet der Vitos Aufnahmeservice Psychosomatik.

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