© Vitos NordhessenWer sich aus dem Arbeitsleben zurückzieht, kann an einer Depression erkranken. Gleichzeitig wissen ältere Generationen weniger über psychische Krankheiten als jüngere. Das sind nur zwei Erkenntnisse aus dem Symposium „Update Psychiatrie“, das am vergangenen Samstag das Thema psychische Erkrankungen bei Älteren in den Fokus nahm. Dabei wagten sich die Referent/-innen auch an viel diskutierte Themen wie den assistierten Suizid. Mehr als 150 Interessierte waren für Information und Austausch ins Kasseler Haus der Kirche gekommen, moderiert von Dr. Matthias Bender, Ärztlicher Direktor des Vitos Klinikum Kurhessen. Ein Überblick über die wichtigsten Aussagen.
Wer älter wird, bei dem steigt das Risiko, an einer Depression zu erkranken, auch soziale Isolation kann ein Treiber sein, berichtete Prof. Dr. Florian Metzger, Ärztlicher Direktor von Vitos Haina, der auch den Begriff Frailty (Gebrechlichkeit) vorstellte: Wer älter wird, wird oft auch gebrechlicher und damit anfälliger für psychische Krankheiten. „Das Risiko einer Depression ist bei Frailty vierfach erhöht“, so Metzger. Neben dem Beginn das Ruhestands können auch finanzielle Sorgen, Schulden oder gesundheitliche Probleme den Beginn einer psychischen Erkrankung begünstigen. Kriegserfahrungen könnten auch im höheren Alter noch eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auslösen. Sinnvoll sei in jedem Fall eine Psychotherapie, die könne einen Rückfall verhindern, riet der Mediziner.
Bei assistierten Suiziden ist das Alter eine bedeutende Variable, erklärte Prof. Dr. Kirsten Aner, Institut für Sozialwesen an der Uni Kassel. Daneben gebe es aber weitere wichtige: mehrere chronische Erkrankungen gleichzeitig, chronische Schmerzen, neurologische und psychische Erkrankungen. Auch würden mehr Frauen den begleiteten Selbstmord beanspruchen. Allerdings sei es schwierig, konkrete Daten zu bekommen, es würden zu wenige erhoben. Laut der Veröffentlichungen verschiedener Gesellschaften und Vereine seien im Jahr 2023 etwas mehr als 600 Menschen in den Selbstmord begleitet worden, im Jahr zuvor waren es rund die Hälfte.
Jedes Jahr sollte eine Bestandsaufnahme und Bewertung aller Medikamente gemacht werden, betonte Dr. Pamela Reißner, klinische Pharmazeutin bei Vitos, in ihrem Vortrag. Älteren Menschen müsse ihre Medikation ausführlich erklärt werden. Auch deshalb, weil nur rund 40 Prozent aller Patientinnen und Patienten ihre Medikamente wie vorgesehen einnehmen, sagte Reißner. Wie wichtig die sorgfältige Abstimmung verschiedener Wirkstoffe sei, machte sie an einem Beispiel deutlich: So könnten Medikamente wie Psychopharmaka das Risiko alterstypischer Komplikationen wie Stürze erhöhen.
Einen soziologischen Blick auf die Generation der Boomer, „sie waren immer (zu) viele“, geboren zwischen Mitte der 1950er-und Mitte der 1960er-Jahre, warf Prof. Dr. Heinz Bude, Soziologe und Gründungsdirektor des Kasseler documenta-Instituts. Der Blick auf diese Generation sei ambivalent: In Sachen Bildung habe jeder selbst schauen müssen, wo er bleibe, während aber die Älteren hohe Erwartungen gehabt hätten. Dennoch stünden die Boomer gut da, nur 5 Prozent seien ohne Bildungsabschluss. Gleichzeitig seien viele Mitglieder der Generation durch unterbrochene Erwerbsbiografien gekennzeichnet, die weniger Rente beziehen würden. Nötig sei ein Generationenvertrag für die Älteren, damit sie sich gegenseitig unterstützen könnten, forderte er.
Für eine humorvolle musikalische Einlage zum Thema sorgten die „Wundertyten“, eine Kasseler Kabarettgruppe.
Hintergrund
Jedes Jahr lädt der Ärztliche Direktor des Vitos Klinikum Kurhessen, Dr. Matthias Bender, zum Jahresbeginn zu einem Update-Symposium ein. Die Schwerpunkt-Themen werden nach psychiatrischer, aber auch nach gesellschaftlicher Relevanz ausgewählt. Expertinnen und Experten der jeweiligen Fachgebiete aus ganz Deutschland werden zu den Symposien eingeladen, um über ihre Arbeit und aktuelle Forschungsergebnisse zu berichten.