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Pionierarbeit: Datenbank für Endoprothesen

Die Vitos Orthopädische Klinik Kassel hat als erste Klinik in Deutschland damit begonnen, eine Datenbank für Endoprothesen aufzubauen. Seit 1998 erfasst sie alle künstlichen Hüft-, Knie- und Schultergelenke, die bei ihren Patienten eingesetzt werden. Vor kurzem erhielt eine Patientin eine neue Hüft-Endoprothese, die als Nummer 10.000 in die Datenbank aufgenommen wurde. Professor Dr. Guido Heers, seit 2018 Chefarzt der Allgemeinen Orthopädie und Endoprothetik, schildert im Interview, welche wertvollen Schlüsse sich aus den gesammelten Daten ziehen lassen.

Was ist das Besondere an der Datenbank?

Prof. Dr. Guido Heers: Die Besonderheit besteht schon allein darin, dass es diese Datenbank überhaupt gibt. Ich weiß von keiner anderen orthopädischen Klinik, die eine solche Datenbank vorhält. Unsere Datenbank wurde 1998 von meinem Vorgänger, Prof. Dr. Dr. Werner Siebert, und der Oberärztin Dr. Sabine Mai initiiert – ohne, dass es hierfür irgendeine Vorgabe oder Richtlinie gegeben hätte. Dadurch, dass wir so früh damit angefangen haben, stehen uns heute Daten zur Verfügung, auf die andere Kliniken nicht zugreifen können.

Welche sind das?

Heers: Wir haben inzwischen Daten von mehr als 20.000 Endoprothesen, also künstlichen Gelenken, die unsere Operateure den Patienten seit 1998 eingesetzt haben. Darunter sind allein 10.000 Hüft- und 10.000 Kniegelenke. Hinzu kommen künstliche Schultergelenke.

Was genau erfassen Sie dabei?

Heers: Zunächst einmal die Daten der eingesetzten Prothese. Jedes Implantat besteht ja aus mehreren Einzelteilen. Jedes Teil hat wiederum eine eigene Registriernummer, die wir in der Datenbank vermerken. Damit können wir auch nach Jahren noch genau nachvollziehen, welches Implantat bei einem Patienten verwendet wurde. Außerdem werden noch die klinischen Daten des Patienten erfasst. Also zum Beispiel die Beweglichkeit des Gelenkes vor und nach der Operation. Und schließlich erfassen wir auch noch verschiedene, patientenspezifische Scores.

Was verstehen Sie darunter?

Heers: Das sind bestimmte Parameter, die wir für jeden Patienten erfassen. Einfaches Beispiel: Wir bewerten das Schmerzempfinden des Patienten anhand einer Skala von 1 bis 10. Nehmen wir an, dieser Wert liegt vor der Operation bei 8, nach der Operation bei 2. Nach zehn Jahren liegt der Wert bei 4. Damit erhalten sie eine Aussage über den Schmerzverlauf. Wir erfassen eine Vielzahl solcher Scores, und das tun wir sehr genau. Damit können wir auch nach einem Zeitraum von 20 Jahren wunderbar bewerten, was aus einer Prothese geworden ist und wie es dem Patienten damit geht.

Welche Erkenntnisse können Sie dadurch gewinnen?

Heers: Die wichtigste Erkenntnis ist die, wie lange ein bestimmtes Kunstgelenk wirklich hält. Das ist die erste Frage, mit der Patienten zu mir kommen, wenn sie ein Kunstgelenkt brauchen: Wie lange hält das bei mir? Wenn man das vorher nicht untersucht hat, kann man diese Frage eben nicht genau beantworten. Und wir sind dank unserer Datenbank in der Lage, genau zu sagen: Das Implantat XY hält im Durchschnitt 22 Jahre.

Gibt es dafür nicht auch Herstellerangaben?

Heers: Ja, natürlich. Aber diese Angaben haben die Hersteller von uns. Wir haben zum Beispiel gerade eine Anfrage eines großen amerikanischen Herstellers, der Daten für seine Prothesen auswerten will. In solchen Fällen werden wir gerne angefragt, weil sich herumgesprochen hat, dass wir die Daten sauber gesammelt haben. Selbst erheben die Hersteller solche Daten nämlich nicht. Das machen nur die Anwender, also die Kliniken.

„Auch die Hersteller fragen nach unseren Daten“

Und deutschlandweit ist die Vitos OKK die einzige Klinik, die Daten zur Verfügung stellen kann?

Heers: Wir sind inzwischen natürlich nicht mehr die einzige Klinik, die solche Daten erhebt. Aber weil wir so früh mit unserer Datenbank angefangen haben, verfügen wir eben über besonders viele Daten, mit denen wir Auskünfte über einen langen Zeitraum machen können.

Welche Auskünfte sind das noch – neben der über die Haltbarkeit einer Prothese?

Heers: Wichtig ist für uns noch die Frage: Wie gut funktioniert ein Implantat? Dazu benötigt man beispielsweise Angaben über die Beweglichkeit des Gelenks. Beim künstlichen Kniegelenk wäre das Streckung und Beugung. Wichtig sind auch Angaben über den Grad der Schmerzfreiheit, den sie mit dem Implantat erreichen. Und schließlich ist der Röntgenbefund wichtig, der Auskunft darüber geben kann, ob das Implantat nach einer bestimmten Zeit noch intakt ist.

Wann erheben Sie die Daten bei einem Patienten?

Heers: Zum einen vor der Operation. Diese Werte vergleichen wir mit den Werten unmittelbar vor Entlassung aus der stationären Behandlung. Zum anderen gibt es nach einem Jahr eine Kontrolle. Bei bestimmten Implantaten untersuchen wir die Patienten noch einmal nach fünf und nach zehn Jahren. Demnächst vermutlich auch nach 15 und 20 Jahren.

Wie hoch ist der personelle Aufwand für die Datenerhebung?

Heers: Das ist ziemlich aufwändig. Wir haben eine eigene Abteilung für die Qualitätssicherung, die damit beschäftigt ist, die Daten in die Datenbank einzupflegen und sie auch auszuwerten. Und die Operateure müssen die Daten natürlich beim Patienten erheben.

Die Vitos OKK ist als EndoProthetikZentrum der Maximalversorgung zertifiziert. Was bedeutet das genau?

Heers: Das ist ein Siegel, für das wir uns als Klinik freiwillig einer Prüfung durch externe Fachleute unterziehen. Um das Siegel zu erwerben, müssen wir bestimmte Kriterien erfüllen. Dazu gehört, dass wir eine bestimmte Anzahl an Operationen pro Jahr durchführen. Auch unsere Operateure müssen eine bestimmte Qualifikation und Erfahrung vorweisen. Außerdem werden die Prothesen überprüft bzw. deren Lage. Dabei geht es um die Frage, ob sie korrekt eingesetzt wurden. Einmal im Jahr kontrolliert eine Experten-Kommission außerdem die Organisationsstruktur der Klinik, bei der bestimmte Standards überprüft werden.

Das Interview führte Carmen Hofeditz

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