
Ein besonderer Ort mit einer besonderen Atmosphäre
Die Türen zum Atelier stehen immer offen, auch wenn nicht gerade Jubiläum gefeiert wird. Durch die großen Sprossenfenster fällt Licht in die Räume, die früher Teil der psychiatrischen Klinik waren. Heute stehen in dem ab 1870 erbauten Gebäude, dem ehemaligen Haus 6, längst keine Patientenbetten mehr, sondern große Tische und Staffeleien, Pinsel, Farbtöpfe und andere Utensilien. Überall gibt es Kunst zu sehen, die in drei Jahrzehnten hier entstanden ist: Großformatige Wandgemälde, Installationen, Zeichnungen und Collagen. Mehr als 10.000 Werke umfasst allein das Archiv des Ateliers. Selbst der Garten ist Ausstellungsraum für Objekte, für Holzskulpturen und den kuppelförmigen „Dome“, einem Projekt der Künstlerin Corinna Krebber aus dem Jahr 2020. „Viele kommen allein schon deshalb hierher, weil die Atmosphäre so besonders ist. „Wir schaffen hier ein Umfeld, in dem Menschen sich gerne aufhalten und auch gerne kreativ tätig sind“, sagt Künstler Helmut Mair, der das Atelier aufgebaut hat und leitet. „Das Atelier ist ein Ort der Begegnung. Und das Medium der Begegnung ist die Kunst.“
Von der kleinen Kunstwerkstatt zu überregionaler Bekanntheit
Das Atelier entstand in den 1990er Jahren, geprägt von den damaligen Veränderungen in der psychiatrischen Versorgung. Selbstbestimmung, Teilhabe und Begegnung rückten stärker in den Mittelpunkt. Kultur und Kunst spielten dabei eine wichtige Rolle: Sie eröffneten Räume, in denen Menschen miteinander in Kontakt kommen konnten, unabhängig von Diagnosen, Lebensgeschichten oder gesellschaftlichen Zuschreibungen. Auch andernorts seien Ateliers in Kliniken entstanden, die meisten hätten im Laufe der Jahre aus Kosten- oder Platzgründen aber wieder schließen müssen. „Wir hatten bei Vitos immer Rückhalt, vielleicht auch, weil wir mit unserer künstlerischen Arbeit schnell sichtbar Erfolg hatten“, sagt Mair. Zu den frühen Erfolgen zählt die Beteiligung an der bundesweiten Ausstellung „Zeige Deine Wunde – Befreiende Kunst“ 2003, initiiert vom Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Mit fünf nominierten Werken war das Atelier von Vitos Rheingau unter mehr als 5.000 Einsendungen eine der bundesweit erfolgreichsten Institutionen – eine bemerkenswerte Anerkennung der künstlerischen Qualität, die hier entstand. Weitere viel beachtete Ausstellungen folgten. Darunter die bundesweite Wanderausstellung „Kunst trotz(t) Ausgrenzung“ der Diakonie Deutschland, die 2018 auch in der Documenta-Halle in Kassel zu sehen war.
So entstand aus einer kleinen Kunstwerkstatt im Laufe der Jahre ein Ort des künstlerischen Schaffens mit überregionaler Ausstrahlung. Psychisch erkrankte Menschen, die auf dem Eichberg behandelt wurden, entdeckten hier ihr künstlerisches Talent – wurden gefördert, angeleitet und ermutigt. Neben Helmut Mair arbeitet die Bildhauerin Birgid Helmy dauerhaft hier. Vier Monate im Jahr gibt es zudem eine Gastkünstlerin oder einen Gastkünstler.
„Das ist die besondere Stärke des Ateliers: Hier werden Patientinnen und Patienten zu Kunstschaffenden, ihre Erkrankung spielt dabei keine Rolle. Wie Teilhabe und Inklusion gelingt, kann man hier beispielhaft erleben“, sagt Reinhard Belling, Vorsitzender der Vitos Konzerngeschäftsführung in seinem Grußwort zur Eröffnung des Jubiläumswochenendes.
Wichtiger Ort der Begegnung
Eine weitere Besonderheit des Ateliers: Es ist nicht nur ein Entstehungsort für Kunst, sondern auch Kommunikations- und Begegnungsraum. Es steht psychisch erkrankten Menschen, Psychiatrieerfahrenen, Besuchern der Klinik, Angehörigen und Kunstinteressierten gleichermaßen offen. Immer wieder bietet es mit Veranstaltungen und Events auch den Raum für Kultur, Vernetzung und Austausch. So wie an diesem Wochenende, an dem das Jubiläum gefeiert wurde. Geöffnet waren die Dauerateliers von Birgid Helmy und Helmut Mair sowie weitere Ausstellungsräume mit Arbeiten von Klientinnen und Klienten sowie Patientinnen und Patienten. Großes Interesse fanden die mobilen Klangobjekte von Axel Schweppe, Lesungen mit Texten von Jo Kessler, Sandra Nadzac und „Willie“ sowie die Performances und spontanen Musikbeiträge. Stella Tinbergen gewährte Einblicke in die Arbeit an einem Dokumentarfilm über das Künstlerhaus6, bei Führungen konnten die Besucher/-innen zudem das historische Klinikgelände und den Neubau der Erwachsenenpsychiatrie kennen lernen.
Auch die historischen Führungen über das Gelände des Eichbergs stießen auf große Resonanz. Besucherinnen und Besucher erhielten dabei Einblicke in die Geschichte des Standorts und der Psychiatrie. Eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Historie des Eichbergs ist die Installation „Kinderfachabteilung“ von Birgid Helmy, die an die nationalsozialistischen Krankenmorde erinnert und aktuell im Künstlerhaus zu sehen ist.
Mit dem Jubiläumswochenende wurde deutlich, dass das Atelier von Vitos Rheingau weit mehr ist als ein Ort, an dem Kunst entsteht: Es ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Sichtbarkeit – ein lebendiger Kulturort im Rheingau.