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Erinnerung als Mahnung: Vitos Rheingau gedenkt der Opfer der NS-Krankenmorde

Datum:
Gesellschaft:
Vitos Rheingau gGmbH

Gedenkstunde erinnert an die Menschen, die während der NS-Zeit aufgrund ihrer Erkrankung oder Behinderung entrechtet und ermordet wurden

Anlässlich des 1. Septembers hat Vitos Rheingau gestern der Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde und Zwangssterilisierungen gedacht. Wie jedes Jahr kamen auch diesmal wieder Mitarbeitende und Angehörige von Opfern sowie Vertreter/-innen aus Bürgerinitiativen auf dem Eichberg zusammen, um an die Menschen zu erinnern, die während der NS-Zeit aufgrund psychischer Erkrankungen, Behinderungen oder ihrer sozialen Situation entrechtet, zwangssterilisiert und ermordet wurden.  Dr. Esther Abel von der Gedenkstätte Hadamar hielt die Gedenkrede.

Der 1. September hat dabei eine besondere symbolische Bedeutung. Auf diesen Tag wurde ein Schreiben Adolf Hitlers zurückdatiert, das den Ausgangspunkt für die zentral organisierte Ermordung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen bildete. Insgesamt fielen den NS-Krankenmorden mindestens 300.000 Menschen zum Opfer.

Auch der Eichberg war unmittelbar in die Verbrechen eingebunden. Von Januar bis August 1941 diente die damalige Landesheilanstalt als Zwischenanstalt für die Tötungsanstalt Hadamar. 2.019 Patientinnen und Patienten wurden allein in dieser Zeit vom Eichberg nach Hadamar verlegt und dort ermordet. Insgesamt wird von rund 4.600 ermordeten Eichberger Patientinnen und Patienten ausgegangen. Hinzu kommen mehr als 450 Kinder, die in der von 1941 bis 1945 bestehenden „Kinderfachabteilung“ des Eichbergs starben. An sie erinnert ein Gedenkstein auf dem Klinikgelände dessen Inschrift eine Patientin der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Eltville im Rahmen der Gedenkveranstaltung verlesen hat.

Hinter den Opferzahlen stehen Menschen

In ihrem Vortrag stellte Dr. Esther Abel die Lebensgeschichten einzelner Opfer in den Mittelpunkt. Anhand der Biografien von Fritz Georg und Wilhelm Josef machte sie deutlich, dass hinter den historischen Zahlen konkrete Menschen mit individuellen Lebensgeschichten stehen.

Fritz Georg wurde am 13. Januar 1941 mit dem ersten Transport von Eichberg nach Hadamar gebracht und noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet. Wilhelm Josef wurde 1943 von Eichberg nach Hadamar verlegt und dort ebenfalls getötet. Seine Eltern waren davon ausgegangen, dass ihrem Sohn in der Psychiatrie geholfen werden würde.

„Das Erzählen von Opferschicksalen öffnet ein Fenster zur Vergangenheit“, betonte Dr. Esther Abel. Es sei Aufgabe der Gedenkarbeit, die Opfer aus der Vergessenheit zu holen und ihnen ihre Namen und Geschichten zurückzugeben.

Verantwortung von Medizin, Pflege und Gesellschaft

Die Gedenkstunde richtete den Blick zugleich auf die Verantwortung der damaligen Institutionen. Ärzteschaft, Pflegekräfte, Verwaltungen und Behörden waren an der Auswahl, Verlegung und Ermordung von Patientinnen und Patienten beteiligt. Die Morde wurden bürokratisch organisiert und durch eine menschenverachtende Sprache verschleiert.

„Die NS-Krankenmorde zeigen in erschreckender Weise, wohin es führen kann, wenn menschliches Leben nach vermeintlichem Nutzen, Leistungsfähigkeit oder wirtschaftlichem Wert beurteilt wird“, sagte Max Heuchert, Geschäftsführer von Vitos Rheingau. „Menschenwürde und der Schutz des Lebens sind keine Selbstverständlichkeiten. Sie müssen immer wieder verteidigt werden.“

Die Erinnerung bedeute dabei nicht, historische Verbrechen mit heutigen Situationen gleichzusetzen. Sie schärfe vielmehr den Blick für Ausgrenzung, Stigmatisierung und entmenschlichende Sprache und für die besondere Verantwortung von Medizin, Pflege und staatlichen Institutionen gegenüber Menschen, die auf Hilfe und Unterstützung angewiesen sind.

„Das Gedenken am 1. September heißt für uns: Wir erinnern an Menschen, denen ihre Würde und ihr Lebensrecht abgesprochen wurden. Und wir bekräftigen, dass die Würde eines Menschen niemals von seiner Gesundheit, seiner Behinderung, seiner Leistungsfähigkeit oder seinem vermeintlichen Nutzen abhängen darf“, so Heuchert.

Mit der jährlichen Gedenkstunde, einem Gedenkstein und einer Dauerausstellung auf dem Eichberg hält Vitos Rheingau die Geschichte des Ortes und das Schicksal der Opfer lebendig. Die Erinnerung soll dabei nicht nur zurückblicken, sondern eine Verpflichtung für die Gegenwart und Zukunft sein: für einen Umgang mit jedem Menschen, der von Achtung, Würde und Respekt geprägt ist.

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