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Ergebnisse der Georadar-Untersuchung auf dem Gelände rund um das Kalmenhof-Krankenhaus in Idstein

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Rheingau gGmbH

Vitos Rheingau, Vitos Teilhabe und dem LWV Hessen liegen die Ergebnisse der am 11. Juni erfolgten Georadar-Untersuchung vor. Die Vermutung, dass auch außerhalb des Gedenk-Areals auf dem Kalmenhof-Gelände „Euthanasie“-Opfer verscharrt wurden, hat sich erhärtet

Grundlage für die Untersuchung war ein im Januar 2019 von Vitos Rheingau veröffentlichter Historiker-Bericht. Dessen Verfasser haben die verfügbaren Quellen zur Frage der Grablagen gesichtet und sind zu dem Schluss gekommen, dass sich mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Grablagen außerhalb des Areals der Gedenkstätte befunden haben. Somit müssten sterbliche Überreste von im Kalmenhof-Krankenhaus zwischen 1939 und 1945 ermordeten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen immer noch dort zu finden sein.

„Das Ergebnis war nach den Schlussfolgerungen des Historikerberichts zu erwarten, trotzdem ist die damit erfolgte Klarheit eine erschütternde Erfahrung“, fasst Servet Dag die Haltung zusammen, mit der die Verantwortlichen in den beiden Vitos Einrichtungen die Ergebnisse aufgenommen haben.

Die Vitos Aufsichtsratsvorsitzende Susanne Selbert reagiert mit Bestürzung und Trauer. „Den Hinweisen der Experten werden wir unverzüglich nachgehen und die auffälligen Flächen untersuchen lassen“, versichert sie.

Alle für die Grablagen in Frage kommenden Geländeflächen rund um das Kalmenhof-Krankenhaus wurden von der Firma Eggert mittels Georadar untersucht. Deren Geschäftsführer Winfried Leusbrock engagiert sich ehrenamtlich beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und stellt für Suchvorhaben Gerät, Know-how und Zeit zur Verfügung. Dank weltweiter Einsätze in ehemaligen Kriegsgebieten verfügt das Unternehmen mittlerweile über große Erfahrung bei der Suche nach sterblichen Überresten. Normalerweise werden Georadar-Untersuchungen durchgeführt, um schwierige Untergründe vor einem geplanten Baubeginn zu prüfen oder um festzustellen, ob noch Weltkriegsbomben im Boden liegen.

Neben den Gerätschaften am Boden wurde für die unwegsameren Geländeteile auch eine Drohne eingesetzt. Es stellte sich heraus, dass in der Tat an allen Stellen, die im Historikerbericht als wahrscheinliche Grablagen vermutet worden waren, entsprechende Bodenauffälligkeiten vorliegen. Um letzte Gewissheit zu erlangen, werden deshalb an diesen Stellen durch den Volksbund Kriegsgräberfürsorge möglichst zeitnah Grabungen stattfinden.

„Das gesamte weitere Verfahren muss selbstverständlich mit dem LWV, im Gremium und mit dem Volksbund besprochen werden; für voraussichtlich notwendig werdende Umbettungen von sterblichen Überresten muss ein Rahmen gefunden werden, der die Mordopfer würdigt und das große öffentliche Interesse in Idstein berücksichtigt“, so Servet Dag.

Der Geschäftsführer von Vitos Rheingau kündigte außerdem an, dass er bei entsprechendem Interesse gemeinsam mit der Landesgeschäftsführerin Hessen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Viola Krause, und dem Geschäftsführer der das Georadar durchführenden Fima Eggert, Winfried Leusbrock, den örtlichen politischen Gremien zu den Ergebnissen Rede und Antwort stehen werde.

Die Ergebnisse der Georadar-Untersuchung werden in Kürze auf der Website von Vitos Rheingau einsehbar sein.

Zudem veranstalten Vitos Rheingau und die Stadt Idstein zu der gesamten Thematik eine Zukunftswerkstatt. Eine Ankündigung folgt.

Hintergrundinformation

Das in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Isolierstation für die Behinderteneinrichtung Kalmenhof erbaute „Kalmenhof-Krankenhaus“ wurde unter der nationalsozialistischen Diktatur als so genannte Kinderfachabteilung genutzt – ein Euphemismus für Krankenhausabteilungen, in denen behinderte oder psychisch kranke Kinder im Rahmen des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten ermordet wurden. Zwischen 1941 und 1945 starben im Kalmenhof wohl rund 700 Kinder. Für die im Kalmenhof ermordeten oder zur Tötung in die Gasmordanstalt Hadamar gebrachten Männer, Frauen und Kinder errichtete der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) 1987 hinter dem Krankenhausgebäude eine Gedenkstätte. Das Grundstück der Gedenkstätte ist und bleibt im Besitz des LWV.

Das ehemalige Krankenhausgebäude in Idstein wurde ab 1969 als erste kinder- und jugendpsychiatrische Klinik Hessens genutzt. Sie zog 1974 in einen Neubau auf dem Eichberggelände in Eltville um; eine Station blieb in Idstein vor Ort. Im Zuge der Umwandlung der Eigenbetriebe des Landeswohlfahrtsverbandes in gemeinnützige Gesellschaften mbH im Jahr 2007 wurde die Immobilie am Veitenmühlberg auf Vitos Rheingau übertragen. Kurze Zeit später zog die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungseinheit in die Robert-Koch-Straße, wo sie sich ein Gebäude mit der Helios Klinik Idstein teilt. Das ehemalige Krankenhausgebäude steht seither leer und wurde bereits wiederholt durch Vandalismus beschädigt.

Forschungsbericht und Gremium

Die beiden Wissenschaftler Dr. Harald Jenner und Christoph Schneider hatten von Januar bis Juni 2018 im Auftrag von Vitos Rheingau und auf Vorschlag des seit 2017 zum Umgang mit der Immobilie Kalmenhof-Krankenhaus tagenden Gremiums die vorliegenden Quellen gesichtet und verfügbare Zeitzeugen befragt, insbesondere zu der ersten großen Bestandsaufnahme zum Kalmenhof in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Zentrum ihrer Untersuchung stand die Frage nach der genauen Lage der Gräberfelder des „Kalmenhof-Friedhofs“ und die Frage, in welchen Räumlichkeiten genau sich die „Kinderfachabteilung“ befand. Im Rahmen des Projekts wurden auch die Zeugenaussagen während der Kalmenhofprozesse nach 1945 gesichtet. Insgesamt entstand so ein differenziertes und in Details auch modifiziertes Bild des Mordgeschehens im Kalmenhof-Krankenhaus und des Umgangs mit den Leichnamen der Ermordeten.

Mitglieder des Gremiums, das von Altbürgermeister Gerhard Krum geleitet wird, sind der Geschäftsführer von Vitos Rheingau Servet Dag, Bürgermeister Christian Herfurth, die Fraktionsvorsitzenden der in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Parteien oder von diesen benannte Stellvertreter: Roland Hoffmann (FDP), Sven Hölzel (SPD), Andreas Ott (FWG), Peter Piaskowski (CDU) und Jürgen Schmitt in Vertretung von Anke Reineke-Westphal (Die Grünen). Weiter gehört der langjährige Stadtverordnetenvorsteher Thomas Zarda dem Gremium an sowie Edeltraud Krämer, die Geschäftsführerin der Vitos Teilhabe gGmbH, Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar, die Publizistin Martina Hartmann-Menz, Eberhard Kriews und Pfarrer Kirsten Brast.

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