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Zukunftswerkstatt Kalmenhof-Krankenhaus: Viele Vorschläge und Ideen für die Zukunft von Krankenhaus und Gedenkort

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Rheingau gGmbH

Vitos Idstein/Eltville, 23. August 2019 – In der von der Stadt Idstein, dem Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) und Vitos Rheingau einberufenen Zukunftswerkstatt, die am 22. August 2019 stattfand, diskutierten rund 40
Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Zukunft des Kalmenhof-Krankenhauses und darüber, wie ein würdiges Gedenken an die Opfer der Euthanasie-Verbrechen in Idstein gewährleistet werden kann.

In einem offenen Dialog wurden viele Ideen und Konzepte diskutiert. Vitos Rheingau, LWV und die Stadt Idstein werden nunmehr die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt auswerten. Servet Dag, Geschäftsführer der Vitos Rheingau gGmbH und Bürgermeister Christian Herfurth sicherten zu, dass die unterschiedlichen Vorschläge, bei denen breite Zustimmung erkennbar war, nunmehr einer näheren Prüfung auf Realisierbarkeit unterzogen würden. Das Kalmenhof-Krankenhaus-Gremium, so dessen Vorsitzender Bürgermeister a.D. Gerhard Krum, „werde die Prozesse weiterhin aktiv begleiten“.

„Wir stehen jetzt noch unter dem Eindruck einer Zukunftswerkstatt, in der mit großem Verantwortungsbewusstsein und ausgesprochen konstruktiv, zum Teil auch mit Leidenschaft, unterschiedliche Ideen eingebracht, diskutiert und abgewogen wurden“, waren sich Herfurth, Krum und Dag einig. Sie zeigten sich von der Atmosphäre in der Idsteiner Stadthalle sehr angetan. In der vierstündigen Veranstaltung wurde sehr intensiv in Arbeitsgruppen diskutiert und deren Ergebnisse auch im Plenum weiterverfolgt.

Zu Beginn der Zukunftswerkstatt hatte Dag für Vitos Rheingau und den LWV seine Erwartungen an den Abend formuliert: „Für uns ist von besonderer Bedeutung, dass die unterschiedlichen Vorstellungen und Gedanken auf den Tisch kommen und dabei nichts unausgesprochen bleibt. Wir wünschen uns sicher alle, realisierbare Ideen für die künftige soziale Nutzung des ehemaligen Krankenhauses als auch dass die Erinnerung für kommende Generationen in würdevoller Weise wachgehalten wird.“ Auch Bürgermeister Christian Herfurth würdigte den Dialog: „Es ist gut und richtig, dass wir uns zusammensetzen, um gemeinsam den besten Weg zu suchen.“ Er erinnerte zudem an die Geschichte rund um das Kalmenhof-Krankenhaus: „Was am ehemaligen Kalmenhof- Krankenhaus passiert ist, gehört zum schlimmsten Kapitel der Idsteiner Stadtgeschichte. Es wird Zeit, den ermordeten Menschen Würde zurückzugeben.“ Vitos Rheingau, LWV und die Stadt Idstein sicherten zu, ein Zukunftskonzept anzustreben, „das auf einem möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens basiert.“

Zu den rund 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gehörten neben den Mitgliedern des Kalmenhof-Krankenhaus-Gremiums, das sich bereits seit Ende 2016 mit der Zukunft des ehemaligen Kalmenhof-Krankenhauses beschäftigt, auch sachkundige und regional verankerte Vertreter gesellschaftlicher Gruppen sowie zehn Bürgerinnen und Bürger, die im Rahmen eines offenen Anmeldeverfahrens ihr Interesse bekundet hatten und ausgelost worden waren.

Insgesamt war man sich in der Zukunftswerkstatt einig, dass eine kommerzielle Nutzung des Gebäudes keineswegs in Frage kommt. Für die Zukunft des Kalmenhof- Krankenhauses gab es über 50 eingereichte wie auch vorgestellte Anregungen. Intensiv stark diskutiert wurden die Schaffung eines lebendigen Lern- und Gedenkortes, der insbesondere jungen Menschen die Geschehnisse in Zeiten des NS-Regimes erzählt, die Einrichtung einer Tagespflegestätte beispielsweise für Menschen mit Behinderungen, ein die Erinnerung wachhaltendes Museum, ein integratives Café wie auch die Nutzung für die aktive Kinder- und Jugendarbeit.

Um den Opfern der Euthanasieverbrechen würdig gedenken zu können, herrschte breiter Konsens, dass diesen in Zukunft namentlich gedacht werden soll. Darüber hinaus fand auch der Gedanke, dass die Lebens- und Leidensgeschichten der Ermordeten aufgearbeitet und erzählt werden sollen, Anklang.

Zum Abschluss formulierte Dag die Hoffnung „dass eine soziale Nutzung und ein würdiges Gedenken vielleicht keine Gegensätze sein müssen, sondern sich verbinden lassen.“

 Hintergrundinformation

Das in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als Isolierstation für die Behinderteneinrichtung Kalmenhof erbaute „Kalmenhof-Krankenhaus“ wurde unter der nationalsozialistischen Diktatur als so genannte Kinderfachabteilung genutzt – ein Euphemismus für Krankenhausabteilungen, in denen behinderte oder psychisch kranke Kinder im Rahmen des „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten ermordet wurden. Zwischen 1941 und 1945 starben im Kalmenhof wohl rund 700 Kinder. Für die im Kalmenhof ermordeten oder zur Tötung in die Gasmordanstalt Hadamar gebrachten Männer, Frauen und Kinder errichtete der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) 1987 hinter dem Krankenhausgebäude eine Gedenkstätte. Das Grundstück der Gedenkstätte ist und bleibt im Besitz des LWV.

Das ehemalige Krankenhausgebäude in Idstein wurde ab 1969 als erste kinder- und jugendpsychiatrische Klinik Hessens genutzt. Sie zog 1974 in einen Neubau auf dem Eichberggelände in Eltville um; eine Station blieb in Idstein vor Ort. Im Zuge der Umwandlung der Eigenbetriebe des Landeswohlfahrtsverbandes in gemeinnützige Gesellschaften mbH im Jahr 2007 wurde die Immobilie am Veitenmühlberg auf Vitos Rheingau übertragen. Kurze Zeit später zog die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungseinheit in die Robert-Koch-Straße, wo sie sich ein Gebäude mit der Helios Klinik Idstein teilt. Das ehemalige Krankenhausgebäude steht seither leer und wurde bereits wiederholt durch Vandalismus beschädigt.

Forschungsbericht und Gremium

Die beiden Wissenschaftler Dr. Harald Jenner und Christoph Schneider hatten von Januar bis Juni 2018 im Auftrag von Vitos Rheingau und auf Vorschlag des seit 2017 zum Umgang mit der Immobilie Kalmenhof-Krankenhaus tagenden Gremiums die vorliegenden Quellen gesichtet und verfügbare Zeitzeugen befragt, insbesondere zu der ersten großen Bestandsaufnahme zum Kalmenhof in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Im Zentrum ihrer Untersuchung stand die Frage nach der genauen Lage der Gräberfelder des „Kalmenhof-Friedhofs“ und die Frage, in welchen Räumlichkeiten genau sich die „Kinderfachabteilung“ befand. Im Rahmen des Projekts wurden auch die Zeugenaussagen während der Kalmenhofprozesse nach 1945 gesichtet. Insgesamt entstand so ein differenziertes und in Details auch modifiziertes Bild des Mordgeschehens im Kalmenhof-Krankenhaus und des Umgangs mit den Leichnamen der Ermordeten.

Mitglieder des Gremiums, das von Altbürgermeister Gerhard Krum geleitet wird, sind der Geschäftsführer von Vitos Rheingau Servet Dag, Bürgermeister Christian Herfurth, die Fraktionsvorsitzenden der in der Stadtverordnetenversammlung vertretenen Parteien oder von diesen benannte Stellvertreter: Roland Hoffmann (FDP), Sven Hölzel (SPD), Andreas Ott (FWG), Peter Piaskowski (CDU) und Jürgen Schmitt in Vertretung von Anke Reineke-Westphal (Die Grünen). Weiter gehört der langjährige Stadtverordnetenvorsteher Thomas Zarda dem Gremium an sowie Edeltraud Krämer, die Geschäftsführerin der Vitos Teilhabe gGmbH, Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar, die Publizistin Martina Hartmann-Menz, Eberhard Kriews und Pfarrer Kirsten Brast.

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