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Der Herr der Hühner

Es ist eine Geschichte mit traurigem Anfang. Eine Mutter stirbt. Der stets unmündig gehaltene Sohn bleibt allein zurück in einem baufälligen, verwahrlosten Haus, ohne Heizung, ohne funktionierende Toilette. Es ist Winter. Der Sohn ist zu diesem Zeitpunkt 44 Jahre alt und liegt mit gebrochener Hüfte in seinem Bett. Kurz zuvor war er beim Hühnerfüttern ausgerutscht und auf den Boden geschlagen. Bis zu ihrem Tod hatte die Mutter ihn versorgt, weil er nicht krankenversichert war und ohne eigenes Einkommen. Sein Name: Ulrich Trost. Die Grunderkrankung: kombinierte Persönlichkeitsstörung, verbunden mit schweren depressiven Krisen.

„Die Krankheit machte es Ulrich Trost zeitlebens unmöglich, sich von seinem dominanten Elternhaus zu lösen, verantwortlich auf sich zu achten. Nach dem Tod seiner Mutter war er von zwei Nachbarsjungen notdürftig versorgt worden, beide selbst aus prekären Verhältnissen“, wie Dr. Manfred Birko erzählte. Er übernahm von 2010 (bis zu seinem Tod im Jahr 2016) auf Bitten des zuständigen Amtsgerichts die ehrenamtliche Betreuung von Ulrich Trost und ebnete ihm den Weg in ein besseres Leben.

Endlich wertgeschätzt

Ulrich Trost fühle sich hier aufgehoben und wertgeschätzt, sagte Dr. Birko, der auch Mitglied im Beirat von Vitos Weil-Lahn in Hadamar war. „Es war natürlich zunächst alles schwierig. Der Gang durch die Institutionen, die Gespräche mit dem Job-Center und der Krankenversicherung. Auch das Vertrauen von Herrn Trost war nur schwer zu gewinnen, und ich war froh, als mir die begleitenden psychiatrischen Dienste hier in Hadamar helfen wollten.“

Als erstes sorgte Dr. Birko dafür, dass Ulrich Trost im Krankenhaus behandelt werden konnte. Er erhielt eine neue Hüfte und wurde bis zur Aufnahme in Hadamar von Dr. Birko übergangsweise in einer Pension untergebracht. Heute hat Ulrich Trost einen der festen Heimplätze im Wohnbereich 3. Die Kosten für die Heimunterbringung trägt der Landeswohlfahrtsverband Hessen.

Es ist ein hübsches kleines Wohnhaus mit großem Balkon, in dem Ulrich Trost mit fünf anderen Klienten zusammenlebt. Sie teilen sich Küche, Bad und Gemeinschaftsraum. Frühstück und Abendessen planen sie alleine, kaufen ein, kochen, lernen mit- und voneinander und werden in lebenspraktischen Dingen therapeutisch begleitet. Das Haus liegt in der Nähe der Vitos Kliniken und ist von Rasen umgeben. „Wir legen viel Wert darauf, dass es keinen Wohnheim-Charakter hat“, sagt Sozialpädagogin Christina Wingender, Therapeutische Leitung der Vitos begleitenden psychiatrischen Dienste Hadamar, „die Bewohner sollen sich frei und glücklich fühlen.“ Jedes Zimmer ist von seinem Bewohner individuell gestaltet, von den Wänden bis zum Mobiliar. Ulrich Trosts Zimmer ist gemütlich. Ein Vitrinenschrank verwahrt Fotos und Musik-CDs, eine Sammlung von Donald-Duck-Taschenbüchern und Fachliteratur über Hühner.

Hühner machen glücklich

In der Nähe steht das Hühnerhaus aus Holz mit Giebeldach. Christina Wingender hat es aus einer Konkursmasse ersteigert und die Vitos-Handwerker gebeten, es aufzubauen. „Man muss in der Therapie flexibel sein und auch einmal neue Wege gehen“, sagt sie. „Wenn ein Huhn helfen kann, warum nicht Hühner? Ohne mein Versprechen, dass wir sie anschaffen, wäre Herr Trost nicht zu uns gekommen.“

Heute ist er froh, dass er in Hadamar ist. Ulrich Trost lacht gerne, erzählt freudig und seine Bewegungen zeugen von der Energie, die in ihm steckt. „Mein Opa war Hühnerzüchter. Ich war Hühnerzüchter. Hühner machen glücklich und sind interessant. Vor mir war hier niemand, der sich mit Hühnern auskannte.“

Schon im Alter von sechs Jahren habe er seinen Opa genervt, weil er unbedingt holländische Weißhaubenhühner haben wollte, erzählt er. „Die habe ich 15 Jahre lang gehalten. Ich war sozusagen der einzige Züchter im ganzen Kreis. Später habe ich mich auf die Plymouth Rocks spezialisiert. Die hatte ich dann auch fast zwanzig Jahre.“ Er holt eines seiner Hühnerbücher hervor und zeigt den weniger Sachverständigen Bilder der erwähnten Hühnerrassen. Schnell wird klar, man hat es mit einem Fachmann zu tun.

Kühlwalda & Co.

Nur eines seiner vier Hühner in Hadamar hat einen Namen: Kühlwalda, wie die Kröte des schrulligen Zauberers Catweazle aus der gleichnamigen britischen TV-Serie der 1970er, die später auch im deutschen Fernsehen lief. „Ein Betreuer hat ihm den Namen gegeben, weil es überall Essen stibitzt“, erklärt Ulrich Trost. Er selbst gebe Hühnern keine Namen, betont er – ganz Hühnerzüchter eben. „Die Eier essen wir selbst oder geben sie ins Haupthaus. Es sind sozusagen biologisch reine Eier. Meine Hühner gehen frei spazieren, fressen, was sie finden. Von mir bekommen sie nur Körner und Salat, kein Lege- oder Fischmehl!“ Er hofft, dass sie in Hadamar auch Araukana-Hühner bekommen, die grüne Eier legen. Ulrich Trost: „Ich kann sie auf dem Taubenmarkt im Oktober besorgen. Da fahren wir hin und gucken mal. Sind interessante Hühner, die Araukana. Die haben Ohrenbüschel und keinen Schwanz. Hingucker sind das. Es gibt auch Hühnerarten, die legen ganz dunkelrote Eier. Dann brauchen wir überhaupt keine Ostereier mehr zu färben.“ Eine Kuh wäre noch schön, meint er. „Dann hätten wir Milch.“ Und gemeinsam mit den Hunden, Katzen, Hasen, Meerschweinchen und Hühnern, die in der therapeutischen Begleitung eingesetzt werden, käme quasi schon ein kleiner Zoo zusammen.

Beifahrer auf dem LKW

Neben den Tieren und den Menschen ist ihm sein Job in der Arbeitstherapie wichtig. Bereits seit vier Jahren ist Ulrich Trost Beifahrer auf einem der Klinik-LKW und wird von den angestellten Fahrern der Klinik voll akzeptiert. „Seine Arbeitskraft wird gebraucht“, sagt Christina Wingender, und Ulrich Trost ist stolz darauf: „Ich bin ein fester Mann im Team. Schon früh morgens fahren wir die Brötchen aus. Dann wird die Wäsche überall eingesammelt und zur Wäscherei gebracht. Danach gucken wir, ob noch irgendwo etwas gebraucht wird. Bis halb eins müssen wir das Essen ausfahren. Dann kommt die Blitzrunde, in der wir noch einmal alles abfahren und schauen, ob irgendwo Müll liegt.“ Nach getaner Arbeit geht Ulrich Trost heim, räumt sein Zimmer auf, duscht und füttert am Abend die Hühner. Er sei variabler geworden, meint er und winkt zum Abschied.

„Es hat eine erstaunliche Öffnung stattgefunden“, freut sich Christina Wingender. „Er ist hier mit seinen Hühnern und in ständiger Reflexion mit anderen Personen. Das ist sehr wichtig für ihn. Als er zu uns kam, war er ein schwer depressiver, völlig isolierter Mann. Seit mehr als fünf Jahren hatte er keine depressive Krise mehr. Er hat Freundschaften geschlossen. Er ist regelrecht aufgeblüht.“

Quelle: LWVkonkret 3/2015, Text Sigrid Krekel

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