Sie befinden sich auf: >Service > Aktuelles

Aktuelles (Pressemitteilungen)

Frust und Stress in frühen Eltern-Kind-Beziehungen

15.04.2019

Foto (Kerstin Pulverich, Vitos Herborn): Sie haben das Curriculum Eltern-Kind-Interaktionstherapie erfolgreich absolviert. Fachleute von Vitos Herborn mit Geschäfts- und Klinikleitung.

Herborn, 15. April 2019 / Über 80 Fachleute aus dem Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie tauschten sich beim 40. Arbeits- und Begegnungsforum über die Behandlung von Regulationsstörungen in der Säuglingsphase und frühen Kindheit aus.

Der Ärztliche Direktor der Vitos Klinik Rehberg, Prof. Matthias Wildermuth, lädt zweimal im Jahr zu einem Forum ein, bei dem sich Fachleute aus dem Lahn-Dill-Kreis und darüber hinaus über aktuelle Themen in der Kinder– und Jugendpsychiatrie informieren, austauschen und weiterbilden. Die jetzige Jubiläumsveranstaltung bildete gleichzeitig den Abschluss des Curriculums der Eltern-Kind-Interaktionstherapie nach dem Heidelberger Konzept, mit dem rund 30 Mitarbeiter der Klinik im September 2017 begonnen hatten. Im Anschluss an das Forum erhielten sie ihre Zertifikate.

„Aus unserer Sicht bedarf es individueller und beziehungsorientierter Ansätze, um die innere Welt des Kindes zu erspüren und damit einen Weg zu ihm und seinem Unbewussten zu finden“, startete Wildermuth die Veranstaltung. Er referierte wie bedeutsam die Ausbildung spezifischer neuronaler Netzwerke beim Säugling für seine Bindungsfähigkeit, die Bewältigung von Frustration und Stress, aber auch für die spätere Mentalisierungsfähigkeit ist. Für den Fachvortrag war Experte Dr. Nikolaus von Hofacker aus München eingeladen. Der Arzt betreibt dort eine eigene Praxis und ist auf Säuglings- und Kleinkind-Psychotherapie spezialisiert. Auch er knüpfte zunächst an den neurobiologischen Forschungsstand an: „In den ersten Lebensjahren entwickeln sich 700 Synapsen pro Sekunde“, berichtet er, „die neuronale Plastizität ist dann wesentlich höher als später. Damit ist der Aufwand, die Hirnarchitektur günstig zu beeinflussen deutlich geringer als zu späteren Zeitpunkten, in denen bereits eine nutzungsabhängige Ausdünnung neuronaler Schaltkreise stattgefunden hat.“ Neuronale Plastizität beschreibt dabei die Fähigkeit des Gehirns, sich in Abhängigkeit ihrer Verwendung zu verändern. Von Hofacker ging im weiteren Verlauf seines Vortrages auf die Folgen von frühkindlichem Stress in Form von traumatischen Erfahrungen wie zum Beispiel bei Kindesmissbrauch oder lebensbedrohlichen Erkrankungen sowie mangelnder Erfüllung der Grundbedürfnisse wie Nahrung, Schutz, Sicherheit oder emotionale Geborgenheit ein. Mit Beispielen aus seiner Praxis veranschaulichte er die Rolle der frühen Eltern-Kind-Interaktionen für die kindliche Stressregulation. Die Frage, wie viel Stress eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung fördert und wie viel ihr schadet, führe zu der Betrachtung von Risiken auf Seiten des Kindes und auf Seiten der Eltern, etwa bei postpartaler Depression der Mutter, und die Vorstellung entsprechender Behandlungsmöglichkeiten für die junge Familie.

Für die Teilnehmer der Ausbildung bot sich am gesamten Folgetag noch die Möglichkeit,  mit Dr. von Hofacker ihre ersten Erfahrungen in der Behandlung von Eltern mit Kleinkindern fachlich zu reflektieren.

Hintergrund: 

Die Vitos Klinik Rehberg ist eine Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Sie bietet stationäre, tagesklinische sowie ambulante Behandlungen für Kinder an, deren Alter zwischen 18 Monaten und 18 Jahren liegt. Die Schwerpunkte der Klinik sind z.B. emotionale, hyperkinetische bzw. neurotische Störungen, Identitätskrisen, Störungen des Sozialverhaltens sowie Beziehungs- und Bindungsstörungen sowie Psychosen.