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Coronavirus: Von jetzt auf gleich ein neuer Alltag

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Haina gGmbH

Wie eine Vollbremsung des Lebens nehmen viele Menschen die Corona-Zeit wahr: kein Kindergarten, keine Schule, der Arbeitgeber musste vielleicht vorübergehend schließen. Und auch den meisten Hobbys kann in diesen Wochen nicht nachgegangen werden: kein Fußballtraining, kein Kino- oder Restaurantbesuch. Von jetzt auf gleich hat sich der Alltag fundamental geändert. Bei aller Einsicht in die Erfordernisse der Kontaktsperren fällt es vielen Menschen nicht einfach, mit der „gewonnenen“ Zeit klarzukommen. Warum dies so ist und welche Strategien es gibt, mit der neuen Situation besser klarzukommen, erklärt Dr. Svenja Kräling, leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

© Jon Tyson via Unsplash

Kein Kino, kein Fitnessstudio – was tun mit der vielen Zeit. Haben wir verlernt, uns mit uns selber zu beschäftigten?

Kräling: Normalerweise stehen uns unglaublich viele Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung. Wir können rund um die Uhr einkaufen, Informationen konsumieren und uns mit der ganzen Welt austauschen. Unsere Aufmerksamkeit ist dabei meistens auf äußere Reize gerichtet. Das macht evolutionsbiologisch Sinn, um mögliche Gefahren besser abschätzen zu können. Innerlich kommen wir dadurch jedoch kaum zur Ruhe. Entsteht dauerhaft ein Ungleichgewicht zwischen der Beschäftigung mit „außen“ und „innen“, tut uns das nicht gut. Aktuell merken wir ziemlich deutlich, wie abhängig wir von äußeren Reizen sind. Die Chance besteht nun darin, auch in der Beschäftigung mit uns selbst Erholung, Spaß und Kraft zu finden.

Müssen wir das neue Leben in der Corona-Krise erst lernen?

Kräling: Auf jeden Fall. Es finden gerade sehr einschneidende Veränderungen statt. Unser aller Alltag hat sich gewandelt. Das erfordert eine sehr hohe Anpassungsleistung auf vielen Ebenen: der Alltagsablauf muss umorganisiert werden, wir müssen uns an neue Verhaltensregeln gewöhnen und auch die Psyche muss lernen mit einer diffusen Bedrohungslage umzugehen. Das alles braucht Zeit und erfolgt Schritt für Schritt. Anfangs müssen wir zwar etwas mehr Aufmerksamkeit auf neue Abläufe richten, zum Beispiel auf den Handschlag bei der Begrüßung zu verzichten. Die gute Nachricht ist aber: nach einer gewissen Umstellungsphase wird auch das wieder zur Gewohnheit. Die meisten psychischen Anpassungsprozesse laufen ohnehin ohne unser aktives Zutun ab.

Für viele Menschen hat sich von heute auf morgen der Tagesablauf massiv geändert. Was bewirken solche abrupten Veränderungen?

Kräling: Im Alltag sind wir starke Routinen gewöhnt, unsere Abläufe folgen automatisierten Mustern: Arbeit, Schule, Einkaufen, Hobbys und der Besuch bei Oma und Opa am Wochenende. Unterbrechungen dieser Gewohnheiten beeinträchtigen uns umso mehr, je unerwarteter und umfassender sie auftreten. Unser Organismus muss sich in der neuen Situation erstmal zurechtfinden und prüfen, wieviel Anpassung überhaupt notwendig ist. Ein Ergebnis dieser „Orientierungsreaktion“ kann sein, dass man versucht, möglichst viel Normalität beizubehalten. Im zweiten Schritt wird aber auch unsere Kreativität angeregt, veränderte Bedingungen als Chance zu sehen und Neues auszuprobieren. Nach und nach richtet sich die Aufmerksamkeit dann auch auf positive Aspekte der Veränderung, zum Beispiel dass Homeoffice plötzlich doch möglich ist. Oder man blickt nun wertschätzender auf die Tätigkeiten von Menschen in Gesundheits-, Pflege- oder pädagogischen Berufen.

Ist es normal, dass sich viele Menschen aktuell unwohl fühlen?

Kräling: Ja, denn niemand von uns kann absehen wie lange sich die Corona-Krise hinziehen wird, welche wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Folgen entstehen. Vor allem die ganz konkreten Einschnitte ins Privat- und Berufsleben sowie die Sorgen um die eigene Gesundheit verunsichern viele Menschen. Ein hohes Maß an Ungewissheit führt dazu, dass sich viele Menschen auch nicht trauen, sich mit der neuen Situation einzurichten. Die vergangenen Wochen haben uns die Illusion einer zuverlässig planbaren Zukunft genommen. Unsere Psyche mag solche unsicheren Situationen überhaupt nicht und signalisiert uns das über unsere Gefühle und sorgenvollen Gedanken.

Was hilft dabei, in der neuen Struktur schneller abzukommen?         

Kräling: Alles, was uns Routine vermittelt und uns schnell das Gefühl von Kontrolle zurückgibt. Besonders wichtig ist dabei ein klarer Ablaufplan für den Tag. Dieser sollte neben festen Zeiten für Arbeit und Haushalt aber auch Platz für Pausen, Hobbys, Sozialkontakte und Bewegung an der frischen Luft beinhalten. Generell ist es wichtig, besonders in Krisenzeiten auf ausreichende Selbstfürsorge zu achten und unnötigen Stress wie zum Beispiel durch zu hohe eigene Ansprüche zu vermeiden. Ein hohes Maß an Akzeptanz und Kompromissbereitschaft hilft, schneller in einer neuen Realität anzukommen und diese wieder als sicher zu erleben.

Zur Person: Dr. Svenja Kräling

Dr. Svenja Kräling (38) ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Ihr Studium und die nachfolgenden Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin (VT) hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Seit 2009 ist sie in der Hainaer Klinik therapeutisch tätig.

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