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„Frauen halten aus, Männer haben häufiger Konflikte“

Datum:
Fachbereich:
Psychosomatik
Gesellschaft:
Vitos Nordhessen gGmbh

Die Nachfrage nach Behandlungsplätzen in der Psychosomatik steigt. Aktuell sind es vor allem Ängste rund um den Arbeitsplatz, die zu psychischen Belastungen führen. Was sind Anzeichen einer Überlastung? Sind Frauen und Männer in unterschiedlicher Weise betroffen? Klinikdirektorin Dr. Christina Kleiber antwortet im Interview.

© Vitos Nordhessen
Dr. Christina Kleiber, Klinikdirektorin Vitos Klinik für Psychosomatik Kassel.

Was sind aktuell häufige Gründe für eine tagesklinische oder stationäre Behandlung in der Psychosomatik?

Wir stellen vermehrt fest, dass Themen rund um die Arbeit und damit zusammenhängende Belastungen zu psychischen Erkrankungen und zu einer Aufnahme in unserer Klinik führen. Viele fragen sich: „Wie verändert sich meine berufliche Perspektive vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen und Umbrüche?“ Menschen haben Sorge um ihren Arbeitsplatz, um die Versorgung ihrer Familie, haben Zukunftsängste und sind erheblich verunsichert. Sie erleben Arbeitsverdichtungen und Stellenabbau. Am Arbeitsplatz macht sich auch bemerkbar, was sich gesellschaftlich verändert, der Umgang wird rauer, der Ton schärfer. Wir erleben zum Teil ein Gegeneinander und weniger ein Miteinander. Das kann die Einstellung zur Arbeit verändern, psychisch und körperlich belasten und auch die Motivation beeinflussen. Das wiederum hat Potential für Konflikte oder für einen depressiven Rückzug, Ängste oder die Entwicklung einer anderen psychischen Erkrankung. Der überwiegende Teil unserer Patient/-innen kommt eher sehr spät zu uns, sie bleiben lange in Überforderungs- und Überlastungssituationen.

Was sind typische Symptome einer Überlastung?

Eine Vielzahl von Patientinnen und Patienten berichten von Schwierigkeiten abzuschalten. Sie nehmen die Arbeit mit nach Hause, mit in den Schlaf, denken immerzu darüber nach. Sie stellen sich Fragen wie „Was erwartet meine Vorgesetzte/mein Vorgesetzter von mir? Mache ich alles richtig? Schaffe ich es, die Erwartungen zu erfüllen?“ Aber auch Ängste, wie zum Beispiel Versagensängste, zusätzlich treten Selbstvorwürfe und Selbstentwertungen auf. Ich höre oft „Ich müsse mich nur mehr anstrengen, dann schaffe ich das, das ging ja früher auch“

Aber auch entgegengesetzte Gedanken können auftreten: „Ich werde ausgenutzt und schlecht behandelt. Keiner sieht, wie ich mich engagiere und mich verausgabe“. Das kann zu Resignation führen und mit „Quiet Quitting“ beantwortet werden, was die Unzufriedenheit meist dauerhaft verstärkt. Solche Situationen können bei längerem Bestehen zu einer chronischen psychovegetativen Anspannung und unterdrücktem Ärger führen, was zum Beispiel einen Bluthochdruck zur Folge haben kann.

Wie zeigt sich Überlastung in der Freizeit?

Häufig ziehen sich Patientinnen und Patienten total zurück, gehen morgens zur Arbeit und machen danach gar nichts mehr außer „Sofa und TV“. Als erstes Anzeichen sehe ich Vernachlässigung von sozialen Kontakten, Interessen und Hobbys, Einstellen von Ressourcen und Kraftquellen wie Sport, Kultur und anderem, was dem Menschen Freude bereitet und Kraft gibt, das Leben bereichert. Ein weiteres ernstzunehmendes Symptom ist das Gefühl ständig angespannt zu sein, sich getrieben und unruhig zu fühlen.

Verschwinden die Symptome, wenn sich die Belastung reduziert? Oder können sie sogar dauerhaft bleiben?

Wir erleben alle nach anstrengenden Wochen, dass sich Erschöpfungssymptome im Urlaub bessern können. Bei krankheitswertigen Symptomen bringt das nur eine minimale Linderung. Zugrunde liegt dann häufig eine langjährige Vielfachbelastung wie hohe Arbeitsbelastung, Care-Aufgaben mit unsichtbarem Organisieren, viel Verantwortungsübernahme mit Planen und Mitdenken, was notwendig ist, um die Care-Aufgaben im Alltag zu koordinieren (Mental Load). Wir haben häufig Patientinnen und Patienten, die sich stark engagieren, um zu zeigen, dass sie ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft und der Familie sind. Manche haben sich auch hochgearbeitet, eine enorme berufliche Karriere hinter sich und damit verbunden die Erwartung, sich dauerhaft unter Beweis stellen und etwas leisten zu müssen. Dafür sind sie bereit, über ihre Grenzen und Bedürfnisse hinauszugehen. Meist sind dies unbewusste, automatisiert ablaufende Prozesse.

Und dann können Symptome auch langfristig auftreten?

Grundsätzlich können psychische und körperliche Symptome bestehen bleiben, auch wenn die Belastung wegfällt. Ein Beispiel ist ein hoher Blutdruck, den wir lange gar nicht merken. Er kann aber dauerhafte Veränderungen am Herzen und anderen Organen mit sich bringen, die möglicherweise nicht mehr reversibel sind. Dann ist es wichtig, neben der medizinischen Behandlung auch auf den eigenen Lebensstil zu schauen, das heißt, sich an moderaten Sport oder Bewegung heranzutasten. Und Risikofaktoren wie Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht, Alkohol- oder Nikotinkonsum zu behandeln bzw. zu reduzieren, besser noch einzustellen. Ein anderes Beispiel ist ein plötzlich auftretender, sehr belastender Schwindel, wegen dem bereits verschiedene Fachärztinnen/-ärzte aufgesucht wurden, bis dahin ohne Ergebnis. Wegen des Schwindels kann der oft sehr überlastete Mensch nun nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren, keine körperlich anstrengenden Tätigkeiten mehr ausüben usw. Oft kann ein solcher psychogener Schwindel als Ausdruck einer Überforderung verstanden werden. Dies gilt auch für psychogene Lähmungen oder Krampfanfälle, oft für einen Reizdarm, Herzängste und viele andere körperliche

Symptome ohne eigene Erkrankung. Wir verstehen den Körper dann nicht als Feinde, sondern als besten Freund, der lange Zeit viel aushält, zuschaut und irgendwann vermehrt klare Botschaften sendet.

Sind Frauen und Männer in unterschiedlicher Weise betroffen?

Männer und Frauen sind gleichermaßen von psychischen Erkrankungen betroffen, gehen damit aber unterschiedlich um. An dem soziologischen Bonmot „Frauen gehen in Psychotherapie, Männer ins Gefängnis“ ist nach wie vor etwas dran. Frauen sind eher die „Durchhalterinnen“. Sie engagieren sich lange, auch in Vielfach-Belastungen, halten aus. Frauen neigen dazu, Konflikte nach innen zu richten. Das äußert sich in Depressionen, Ängsten, Selbstzweifeln, einem auffälligen Essverhalten und körperlichen Symptomen. Sie sind eher bereit, Psychotherapie in Anspruch zu nehmen.

Männer sind leistungsorientiert, externalisieren eher. Man spürt eher den Ärger und die Wut, sie haben häufiger Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten, verhalten sich aggressiv, werden delinquent und haben generell ein erhöhtes Risiko- und Suchtverhalten. Dies bedeutet aber nicht, dass sie psychisch gesund sind. Sie leiden ebenso wie Frauen unter Depressionen, Ängsten, Selbstwertthemen u.a., kompensieren nur anders. Wir haben gelernt, genauer hinzuschauen. Männer gehen heute häufiger zur Psychotherapie. Wir müssen, wie überall in der Medizin, an geschlechtsdifferenzierten Behandlungen arbeiten, dass betrifft somatische Behandlungen wie eben auch die Psychotherapie.

Wie schafft man es, die Arbeit gedanklich an der Arbeit zu lassen?

Für jeden gibt es individuelle Lösungen und Erfahrungen. Rituale helfen uns, sie wollen entdeckt und ausprobiert werden. Wenn ich z. B. von der Arbeit komme, lege ich mein Diensthandy ganz bewusst beiseite und erzähle erst einmal nicht viel von der Arbeit, um ganz bewusst anderes zuzulassen. Andere kommen nach Hause und ziehen sich um, ziehen Freizeitkleidung an, schütteln den Arbeitsalltag ab. In dem Moment wechseln wir die Rolle. Nach einem langen Arbeitstag braucht der eine oder andere erstmal etwas, um anzukommen, durchzuatmen. Eine bewusste Pause oder eine Runde im Garten oder einen Spaziergang setzt eine deutliche Zäsur.

Wir nehmen uns in einem zunehmend verdichteten Leben wenig Zeit, uns mit uns selbst zu beschäftigen, oft sind wir im Funktions- und Problemlöse-Modus unterwegs. Dabei wäre es gut, innezuhalten und zu reflektieren, wie zum Beispiel die Woche war, wie wir uns fühlen, wie es uns geht. Damit schaffen wir Abstand zum Alltag und zur Arbeit und öffnen Anderem und anderen den Raum.

Wie kann man kreisende und negative Gedanken einfangen?

Grübeln und das sogenannte Katastrophisieren sind weit verbreitete Phänomene. Was dabei auffällt: Wir malen uns Dinge negativ aus, ohne sie zu hinterfragen, glauben diese, steigern uns in etwas hinein oder sind sehr empfänglich für den vermeintlich entwertenden Blick des anderen auf uns. Da schaut die Kollegin grummelig und es formen sich Gedanken, etwas falsch gemacht zu

haben oder abgelehnt zu werden. Dabei kann es sein, dass die Kollegin einfach schlecht geschlafen hat oder gedanklich ganz woanders ist. Das ist ein simples Beispiel, das exemplarisch, zeigt wie stark unser „Kopfkino“ Filme produzieren kann, die ziemlich viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen und denen wir allzu oft Glauben schenken.

Wenn wir den ganzen Tag aktiv sind, haben wir kaum Zeit, über Dinge nachzudenken. Erst dann, wenn wir zur Ruhe kommen, wenn wir Zubettgehen, kommen die Gedanken. Nachts sind aber auch alle Sorgen größer. Das kann dazu führen, dass wir alles negativ sehen und das Gedankenkarussell losgeht. Dadurch ist der Nachtschlaf gestört, Ängste nehmen zu, der Start in den Tag fällt schwer. Wir empfehlen unseren Patienten „Grübelzeiten“ einzuplanen, damit wird am Tag den Gedanken Raum gelassen. Das sind Zeiten, die ich mir einrichte, um meinen Gedanken nachzugehen, möglichst ohne sie zu bewerten. Am Tag haben wir einen realistischeren Blick auf unsere Gedanken und es gelingt, sich weniger in etwas hineinzusteigern. Wir glauben nicht alles und beobachten, was da kommt. Nach einer bestimmten Zeit (10 bis 15 Min.) beendet man diese Übung und geht bewusst seinem Alltag nach, lässt die Gedanken beim „Grübelplatz“. Das hat den Vorteil, dass wir uns mit allem, was uns beschäftig oder sorgt, bewusst auseinandersetzen und uns dies nicht erst dann, wenn wir schlafen wollen, einholt. Wenn wir dies üben, werden wir kreativ, finden Lösungen, lernen Sorgen und Ängste zu hinterfragen oder zu relativieren.

 

Zur Person

Dr. Christina Kleiber ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und leitet seit Oktober 2023 die Vitos Klinik für Psychosomatik Kassel. Behandelt werden Patient/-innen in der Klinik stationär, tagesklinisch oder ambulant.

Die gebürtige Frankfurterin Kleiber machte zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester, bevor sie Medizin studierte und sich schließlich auf Psychosomatik fokussierte. Einer der medizinischen Schwerpunkte von Kleiber ist die Psychokardiologie. Die Klinikdirektorin ist als Dozentin und Gutachterin aktiv, hält Fachvorträge und engagiert sich in der Facharztweiterbildung. Sie ist verheiratet und lebt in Göttingen.

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