
Frauen verletzen sich häufiger am Knie
Warum das Verletzungsrisiko höher ist – und wie Training helfen kann
Frauen sind von bestimmten Sportverletzungen, vor allem am Knie, deutlich häufiger betroffen als Männer. Dr. Christian Lörke von der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel erklärt, warum das Verletzungsrisiko höher ist – und wie gezieltes Training helfen kann.
Giulia Gwinn ist Kapitänin der Deutschen Frauenfußballnationalmannschaft. Sie ist nicht nur eine begnadete Kickerin, sondern mit zwei Kreuzbandrissen und weiteren schweren Knieverletzungen auch eines der berühmtesten Beispiele für eine traurige Statistik: Frauen haben bei bestimmten Verletzungsarten ein höheres Risiko als Männer - und zwar deutlich. „Eine Verletzung am Kreuzband zum Beispiel trifft Frauen etwa fünf Mal so häufig wie Männer“, erklärt Dr. Christian Lörke, zertifizierter Kniechirurg an der Vitos Orthopädischen Klinik in Kassel. Durch Tausende von Eingriffen am und um das Kniegelenk kennt er die Verletzungsmuster genau. „Gerade im Breitensport sind Verletzungen des Kniegelenkes der Spitzenreiter in unseren Sprechstunden“, sagt der Leiter des Fachbereichs Arthroskopie, Gelenkchirurgie und Sportorthopädie bei Vitos.
Anatomische Besonderheiten erhöhen das Risiko
Ein wesentlicher Grund für das erhöhte Verletzungsrisiko liegt in der weiblichen Anatomie. Frauen haben ein breiteres Becken als Männer, das zudem stärker nach vorne gekippt ist. Dadurch kommt es häufiger zu einer sogenannten X‑Beinstellung, die das Kniegelenk stark belastet. „Wenn zum Beispiel eine Handballerin nach einem kraftvollen Sprungwurf in X‑Stellung auf dem Hallenboden landet, dann ist es schnell um das Kreuzband geschehen“, erklärt Lörke.
Auch die Muskelverteilung spielt eine Rolle. Während die vorderseitige Streckmuskulatur am weiblichen Oberschenkel oft gut ausgeprägt ist, ist die hintere Beugemuskulatur häufig schwächer. Kniechirurg Lörke erklärt: „Der starke Gegenspieler ist zu schwach, und das belastet das vordere Kreuzband umso mehr.“
Zyklus und Hormone beeinflussen die Stabilität
Zusätzlich wirken hormonelle Faktoren auf das Verletzungsrisiko ein. Studien zeigen, dass Kreuzbandrisse in der ersten Hälfte des Menstruationszyklus häufiger auftreten. „Die haltgebenden Bänder sind bei Frauen ohnehin weicher, Knochen weniger stabil und die Muskulatur weniger ausgeprägt“, so der Leitende Oberarzt. „Und dann setzt auch noch das Östrogen, das vermehrt in der ersten Zyklushälfte gebildet wird, die Festigkeit von Bandstrukturen nochmal deutlich herab. Ganz generell kann man deshalb sagen, dass sich Gelenke bei Frauen weniger gut stabilisieren lassen als bei Männern.“
Gezieltes Training statt Hinnehmen
Müssen Frauen dieses erhöhte Risiko also akzeptieren? „Nein, aber wir müssen unsere Wissenslücken schließen. Forschung und Studien haben sich in der Medizin lange stark am männlichen Körper orientiert, das ändert sich gerade“, betont Lörke. Entscheidend sei ein gezieltes Training, das sich an den besonderen Anforderungen des weiblichen Körpers orientiert.
„Wichtig ist ein gezieltes Beinachsentraining zur Stärkung der Muskulatur rund um Hüfte, Knie und Sprunggelenk, um Stabilität und Ausrichtung der Beine zu verbessern.“ Als besonders geeignet empfiehlt Dr. Christian Lörke das Übungsprogramm der Deutschen Kniegesellschaft (DKG) unter www.stop-x.de.
Wenn Stärken zum Tragen kommen
Sind Schwachstellen gezielt trainiert, können Frauen ihre körperlichen Vorteile besser nutzen. „Aufgrund der hormonell-bedingt höheren Flexibilität von Bändern und Sehnen sind Frauen zum Beispiel im Turnen, der Gymnastik und im Eiskunstlauf überlegen“, erklärt Lörke. Auch bei extremen Ausdauerleistungen zeigten Studien, „dass der Leistungsunterschied zwischen den Geschlechtern schwindet und Frauen auf extrem langen Distanzen, also mehr als 160 km, teilweise besser abschneiden als Männer - vermutlich aufgrund einer ermüdungsresistenteren Muskulatur und eines effizienteren Fettstoffwechsels.“
INFO
STOP‑X – Prävention und Rehabilitation von Kniegelenksverletzungen
STOP‑X ist ein Projekt der Deutschen Kniegesellschaft (DKG). Es umfasst ein Präventionsprogramm mit Übungen zur Verbesserung von Kraft, Koordination und Balance, um verletzungsträchtige Bewegungsmuster am Kniegelenk zu vermeiden.
www.stop-x.de
Offizielles Kniezentrum der DKG
Die Vitos Orthopädische Klinik Kassel ist seit 2018 in den Bereichen Sportorthopädie und Endoprothetik als Offizielles Kniezentrum der Deutschen Kniegesellschaft ausgezeichnet. Dr. Christian Lörke ist seit 2016 DKG‑zertifizierter Kniechirurg.
Bild: Dr. Christian Lörke untersucht eine Patientin in der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel.
Foto: Vitos/S.Hadding