
Eine Führungsposition, aufgeteilt auf zwei Mitarbeitende – egal ob in der Pflege, im therapeutischen Bereich oder im ärztlichen Dienst. Bei Vitos Nordhessen ist das jetzt möglich. „Leitung geht auch in Teilzeit“, sagt Saskia Kaune, Personalleiterin und kaufmännische Leitung. Sie hat das neue Arbeitsmodell mit initiiert und sieht darin nicht nur die Möglichkeit, Frauen den Schritt in eine Führungsposition zu erleichtern, sondern auch einen Weg, in Zukunft überhaupt Mitarbeitende in Verantwortung zu bringen. Zwei Pflege-Mitarbeiterinnen in Bad Emstal und zwei Ärztinnen in Kassel arbeiten derzeit in geteilten Führungspositionen.
„Ich war lange Zeit ein Teil des Teams“, sagt Sabrina Löwe. „Da habe ich mich schon gefragt, ob ich auch die Rolle der Leitung mit ausfüllen kann.“ Seit November teilt sich Löwe die pflegerische Stationsleitung der 4.3b der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bad Emstal mit Vera Pfister. Zu 75 Prozent ist Sabrina Löwe nach wie vor im Pflegeteam, übernimmt alle regulären Aufgaben, Nacht-, Spät- und Wochenenddienste wie ihre Kolleginnen und Kollegen. Zu 25 Prozent – an einem Tag jede Woche – ist sie dann Stationsleitung. Für alle anderen im Team, so hat sich schnell herausgestellt, ist die Umstellung überhaupt kein Problem.
Für Sabrina Löwe kam die Frage, ob sie die Leitung mit übernehmen will, zur richtigen Zeit. Schon immer mal sei ihr die Aufgabe zugetraut worden, „ich fand mich bisher aber zu jung dafür“, sagt sie. „Mittlerweile bin ich seit 20 Jahren im Unternehmen, kenne es gut. Für mich ist es eine gute Gelegenheit, mal in diese Rolle zu schlüpfen.“ Sie unterstützt damit Vera Pfister, die seit knapp 45 Jahren bei Vitos arbeitet und die Station 4.3b seit 2020 leitet. „Mir macht die Aufgabe Spaß, ich möchte sie gern weitermachen“, sagt Pfister. Doch sie möchte etwas kürzertreten und hatte das mit ihrem Vorgesetzten, Pflegedirektor Mario Reitze, besprochen, der sie unterstützte und Personalleiterin Saskia Kaune mit ins Boot holte, die den Weg ebnete. Reitze sieht zahlreiche Vorteile in dem Arbeitsmodell: die Kompetenzen von Mitarbeitenden werden weiterentwickelt, Beruf und Familie lassen sich besser vereinbaren, Wissen wird weitergegeben. „Das Konzept kann eine wirksame Ergänzung gegen den Fachkräftemangel darstellen.“
Für Dr. Miriam Butz und Dr. Dragana Hansche war der Ansatzpunkt ein anderer. Dr. Butz ist seit 2020 Leitende Oberärztin im Schmerzzentrum der Orthopädischen Klinik Kassel. Und weil das Schmerzzentrum beständig wächst und damit auch mehr bürokratische und organisatorische Aufgaben anfallen, hat sie sich, unterstützt von Chefarzt Dr. Andreas Böger, Dragana Hansche als Verstärkung geholt. „Ich kümmere mich gern um Organisatorisches, möchte aber auch in der Patientenversorgung bleiben“, sagt Butz. Ihre Kollegin kümmert sich jetzt unter anderem um die Organisation der Weiterbildung der ärztlichen Kolleg/-innen. Aber die Aufteilung der beiden
Ärztinnen beschränkt sich nicht nur auf die Arbeit „hinter den Kulissen“. Auch im Behandlungsalltag ergänzen sie sich, arbeiten beide gleichermaßen auf Station und MVZ mit und für die Patientinnen und Patienten. „Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas weggenommen wird, sondern die Teilung ist eine Bereicherung,“ bilanziert Miriam Butz nach den ersten Monaten. Generell seien in der Schmerzklinik die Hierarchien flach, regelmäßig tauschen sich Butz und Hansche nicht nur mit Chefarzt Böger aus, sondern auch mit allen anderen Kolleginnen und Kollegen. „Jeder darf Wünsche und Ideen einbringen, wir wollen uns immer weiterentwickeln.“
Weiterentwickeln will sich auch Vitos Nordhessen als Arbeitgeber. Saskia Kaune sieht in solchen Arbeitsmodellen wie der geteilten Führung die Zukunft. Heutzutage würden sich Menschen mitunter scheuen, Verantwortung zu übernehmen. Diese grundsätzlich teilen zu können, soll die Arbeitgeberattraktivität stärken, jüngere Mitarbeitende sollen so auch in die Leitungs-Rollen hineinwachsen, im Idealfall begleitet von erfahreneren Kolleg/-innen. „Damit bleibt das Know-how im Unternehmen“, sagt Pflegedirektor Reitze. Wichtig sind für Saskia Kaune der enge Austausch der beiden Personen, die sich eine Führungsposition teilen, und klare Regeln darüber, wer welche Aufgaben und Kommunikationswege übernimmt.
Die erste offizielle Auswertung steht noch an, aber schon jetzt gibt es positive Rückmeldungen: „Dieses Projekt fördert die Attraktivität bei Vitos,“ ist sich Vera Pfister sicher. „Und es schafft eine gute Mitarbeiter-Bindung“, findet Sabrina Löwe.
Hintergrund
Zu Vitos Nordhessen gehören Kliniken, Medizinische Versorgungszentren, Tageskliniken und Ambulanzen an neun Standorten in Nordhessen. Schwerpunkte sind psychiatrische und psychosomatische Hilfen sowie die Behandlungen von orthopädischen Erkrankungen und chronischen Schmerzen. Rund 1.600 Mitarbeitende behandeln jährlich etwa 10.500 Patientinnen und Patienten teilstationär und stationär. Hinzu kommen circa 37.000 ambulante Behandlungen im Jahr. An der Schule für Gesundheitsberufe in Bad Emstal werden Pflegekräfte für das eigene Unternehmen und Kooperationspartner ausgebildet.