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Social Media nicht blind, sondern sinnvoll nutzen

Datum:
Fachbereich:
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Gesellschaft:
Vitos Gießen-Marburg gGmbH

Vitos startet Gruppenangebot für mehr Medienkompetenz an der Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg

Marburg, 29. April 2026. Acht Stunden täglich durch Tiktok, Snapchat oder Youtube scrollen – für manche Kinder und Jugendliche sieht so der Alltag aus. Das hat Folgen für die Psyche, das soziale Umfeld und die weitere Entwicklung. Eine neue Medienkompetenzgruppe soll die jungen Patient/-innen in der Vitos Kinder- und Jugendklinik für psychische Gesundheit Marburg fit machen für einen reflektierten und selbstbestimmten Umgang mit dem Smartphone.

Das Konzept stammt aus der Feder von John Anglin. Er ist pflegerische Teamleitung auf Station 15B – eine der Kinderstationen von Vitos in Marburg. Die Medienkompetenzgruppe hat er 2025 bereits an der Vitos Kinder- und Jugendtagesklinik in Alsfeld durchgeführt und ihre Wirkung auf zehn Teilnehmende zwischen 13 und 17 Jahren erforscht. Seine Bachelorarbeit im berufsbegleitenden Studiengang „Psychiatric Nursing“ zeigt: Durch die Gruppe konnten die Jugendlichen ihren Konsum bewusster steuern. Sie gaben unter anderem an, sich seltener negativ mit anderen zu vergleichen oder durch soziale Medien unter Druck zu geraten. Auch die Schlafqualität verbesserte sich.

Acht Stunden täglich blinder Konsum

Ein Erfolg, der nun auch den Kindern in Marburg zu Gute kommen soll. John Anglin ist derzeit dabei, das Gruppenangebot auf Station 15B einzuführen. „In unserer Klinik stellen wir fest, dass nahezu alle Patient/-innen einen extrem hohen Medienkonsum haben. Wenn es nur vier Stunden am Tag sind, ist das wenig. Viele hängen acht bis - im Extremfall – zwölf Stunden vor dem Smartphone. Und gerade die Altersgruppe zwischen 10 und 14 Jahren konsumiert völlig blind“, sagt er.

Ob der Medienkonsum ursächlich mit einzelnen Krankheitsbildern oder Störungen zusammenhängt, lässt sich nicht genau sagen. Aber: Er spielt eine große Rolle als Verstärker bestimmter Symptomatiken. „Für jedes Krankheitsbild braucht es eine gewisse Medienkompetenz“, so John Anglin.

Die Auswirkungen von stundenlangem Doomscrolling (passives Scrollen durch Kurzvideos und Feeds) sind in der Klinik Tag für Tag sichtbar. Es herrsche Desinformation und ein Wissen, das oft auf Fake News basiert. „Die Fähigkeit, Probleme zu lösen und kritisch zu denken, geht verloren“, erläutert der Krankenpfleger. „Auf der Station kommen die Kinder teils mit jeder kleinen Schwierigkeit zu uns, ohne zuerst selbst über eine Lösung nachzudenken.“

„Highlight-Gesellschaft“ als Problem

Manche entwickeln eine regelrechte Sozialphobie durch das viele passive Scrollen allein in ihrem Zimmer. Zudem werden bestehende Probleme in der Schule verstärkt. „Die Aufmerksamkeitsspanne bei Social Media beträgt rund 40 Sekunden. Wenn der Kopf daran gewöhnt ist, fällt die konzentrierte Vorbereitung auf die Mathearbeit natürlich schwer.“

Und dann sind da noch die Folgen für das Selbstwertgefühl: In den einschlägigen Medien herrsche eine „Highlight-Gesellschaft“. Influencer präsentieren sich mit Fotofilter auf ihrer Yacht in Dubai oder beim Mittagessen im exklusiven japanischen Restaurant. „Jeden Tag wollen mir solche Beiträge sagen, dass deren Leben viel toller ist als meines. Aber es hat nicht jeder die Möglichkeit, handgepflückte Avocados zu essen“, so John Anglin.

Nicht verteufeln, sondern kritisch hinterfragen

Für ihn ist vor allem eines wichtig: Soziale Medien nicht per se zu verteufeln. „Die digitale Welt bietet unendlich viele Möglichkeiten, sich persönlich weiterzuentwickeln. Wichtig ist, den Kids die Fähigkeit zu vermitteln, ihren Konsum kritisch zu hinterfragen.“

Die Medienkompetenzgruppe besteht deshalb aus mehreren Modulen. Zu Beginn geht es vor allem um Wissen: Was ist eigentlich Social Media? Wie funktioniert der Algorithmus dahinter? Welche Bilder und Headlines werden eingesetzt, um die User gezielt zum Weiterscrollen zu animieren? Wie sind Fake News konzipiert und wie kann ich Fakten gegenchecken? „Bei Kanälen wie Tiktok oder Youtube geht es vor allem um Reichweite und Werbeverkäufe nicht um mich als Person. Hinter der ganzen Maschinerie steht das Ziel: ,Bleib am Bildschirm!‘ Das muss man verstanden haben“, sagt John Anglin.

Die Kinder und Jugendlichen analysieren in der Gruppe ihr Nutzungsverhalten. Sie merken, wie viel Freizeit ans sinnlose Scrollen verschwendet wird und welches Gefühl das hinterlässt. Zitat eines Patienten: „Man fühlt sich danach so leer.“

Social Media produktiv nutzen

Die Erfahrung in Alsfeld hat John Anglin gezeigt: Die Teilnehmenden haben einen Aha-Effekt und sind durchaus in der Lage, ihren Konsum besser zu steuern. Ein wichtiger Bestandteil der Gruppe ist das Suchen nach alternativen Aktivitäten. „Das fällt anfangs schwer, aber man merkt schnell: Die Kreativität ist da, man muss ihr nur Raum geben.“

Das Stichwort lautet: Produktiv sein, auch mit dem Handy. „Wenn ich am Ende meines Social-Media-Konsums eine neue Erkenntnis oder ein Produkt habe, macht mich das zufriedener. Vielleicht entdecke ich ein Talent oder sogar eine Idee, wie ich meine Interessen später beruflich nutzen kann. Dieses Potenzial der sozialen Medien wird bisher so gut wie gar nicht genutzt“, sagt John Anglin.
 

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