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Mit Kraft durch die Krise

Experten-Interview mit Dr. Svenja Kräling

© Vitos
Dr. Svenja Kräling

„Mit Kraft durch die Krise! Gesund bleiben – auch psychisch“ lautet das Motto des deutschlandweiten Tags der seelischen Gesundheit. Wie dies gelingen kann, erläutert Dr. Svenja Kräling, leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina

Kann ich einer psychischen Erkrankung vorbeugen – etwa durch Ernährung?

Kräling: Eine ausgewogene Ernährung stellt sicherlich die Basis für ganzheitliche Gesundheit dar. Wobei ausgewogen für mich bedeutet, nicht nur streng diszipliniert „gesund“ zu essen, sondern auch mit Genuss. Neuere Forschungsbefunde bestätigen den Einfluss unserer Ernährung auf unser „Darmhirn“, unser Immunsystem und damit auch auf unser psychisches Wohlbefinden.

Was kann ich ansonsten tun, um seelisch gesund zu bleiben?

Kräling: Neben der Ernährung sind ausreichend Bewegung an der frischen Luft, regelmäßige soziale Kontakte, eine sinnstiftende Tätigkeit und ein gesunder Umgang mit den kleinen und großen Belastungen des Lebens wichtig. Überprüfen Sie immer mal wieder, wie hoch Ihr aktuelles Stresslevel ist und steuern Sie gegen. Man sollte mit den eigenen Problemen aktiv umgehen und diese nicht „in sich hinein fressen“. Tauschen Sie sich mit Freunden oder der Familie aus und bitten Sie im Zweifelsfall um Unterstützung.

Helfen tägliche Rituale dabei, Kraft zu sammeln?

Kräling: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Unsere Psyche liebt gewohnte Abläufe. Denn für unser inneres System ist jede Routine eine Arbeitserleichterung und schafft Kapazitäten für andere Herausforderungen. Tägliche Rituale vermitteln uns das Gefühl von Kontrolle, Sicherheit und Beständigkeit. Sie können uns dabei helfen, in die Entspannung zu finden und so wieder zu Kräften zu kommen.

Jeder Mensch sorgt sich mal oder hat vielleicht Angst vor etwas. Aber was macht eine lang anhaltende Sorge oder Angst mit Menschen – wie aktuell in der Corona-Pandemie?

Kräling: Wir sind evolutionär so „gebaut“, dass wir mit kurzfristigen Gefahrensituationen sehr gut umgehen können. Die sogenannte Kampf-oder-Flucht-Reaktion hilft uns instinktiv richtig zu reagieren, unser ganzer Körper wird aktiviert. Ist die Gefahr überwunden, setzt eine Entspannungsreaktion ein. Bei anhaltenden Bedrohungen wie durch Corona ist unser Alarmsystem aber in Dauerbereitschaft. Als Folge können wir nur schlecht abschalten, verlieren uns in düsteren Gedanken und Zukunftsängsten.

Alleine zu meditieren oder zuhause Entspannungstechniken anzuwenden ist nicht jedermanns Sache. Was empfehlen Sie Menschen, die lieber in der Gruppe etwas für ihre seelische Gesundheit tun wollen?

Kräling: Selbstfürsorgliche Aktivitäten mit dem positiven Effekt sozialer Interaktion zu kombinieren halte ich für äußerst sinnvoll. Sei es Sport, das Erlernen von Entspannungsverfahren, die Teilnahme an Gesprächs- oder Selbsthilfegruppen, die Mitgliedschaft in einem Verein: all das kann man wunderbar mit anderen zusammen machen. Aber auch schon das Treffen mit Freunden, der Austausch über persönlich wichtige Themen kann emotional entlastend und eine Bereicherung sein.

Die Infektionszahlen steigen – und ausgerechnet jetzt beginnt die dunkle Jahreszeit. Ihre Tipps gegen den Oktober-Blues?

Kräling: Diesen Herbst und Winter kommt wirklich einiges zusammen, was die Entstehung von depressiven Erkrankungen befördert. Neben dem zunehmenden Lichtmangel auch die Einschränkungen und Sorgen rund um Corona. Umso wichtiger wird es werden, sich nicht noch zusätzlich einzuschränken durch soziale Isolation und Rückzug in die eigenen vier Wände. Gehen Sie weiterhin häufig raus an die frische Luft, bleiben Sie aktiv und in Kontakt mit Ihren Lieben. Achtsamkeit für die eigenen Gefühle und Selbstfürsorge sollten diesen Winter besondere Priorität bekommen.

Zur Person: Dr. Svenja Kräling ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Ihr Studium und die nachfolgenden Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin (VT) hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Seit 2009 ist sie in der Hainaer Klinik therapeutisch tätig.

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