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Coronavirus: Angst, Hamsterkäufe – wie sehr belastet die Krise die Psyche?

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Haina gGmbH

Kontaktsperren, eingeschränkte Reisefreiheit, die Angst vor Infektionen – um nur drei Beispiele zu nennen: Die Corona-Pandemie hat, gefühlt über Nacht, das Leben aller verändert. Fast nichts ist mehr so, wie es zuvor war. Verunsicherung oder sogar Angst machen sich bei vielen Menschen breit. Wie sehr die Krise die Psyche belastet und welche Strategien es gibt, gut mit der neuen Situation umzugehen, erklärt Dr. Svenja Kräling, leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

© Ricky Kharawala via Unsplash

Momentan ist nicht absehbar, ob der Coronavirus uns Wochen, Monate oder Jahre beschäftigten wird. Und wie viele Menschen schwer erkranken. Wie können wir mit dieser Unsicherheit umgehen?

Kräling: Ein erster wichtiger Schritt ist, diese Unsicherheit erstmal anzunehmen. Anzuerkennen, dass wir uns gerade in einer Ausnahmesituation befinden und Unsicherheit oder sogar Angst völlig normale Reaktionen sind - gerade weil wir nicht absehen können, was die Zukunft bringt. Vielen hilft es auch zu sehen, dass man mit diesen Gefühlen von Ohnmacht und Kontrollverlust nicht alleine ist. Sich auszutauschen, eigene Sorgen zu besprechen und gemeinsam Hoffnung zu schöpfen kann ungemein entlasten. Mir gibt es auch Mut zu sehen, wie viele gemeinnützige Initiativen aktuell wie Pilze aus dem Boden schießen.

Kann man Angst kontrollieren?

Kräling: Viele meiner Angstpatienten kommen in der Hoffnung, dass sie ihre Angst „loswerden“ oder dauerhaft kontrollieren können - das ist leider ein Irrglaube. Angst ist in Gefahrensituationen ein überlebenswichtiges Signal für uns, daher sollten wir sie gar nicht wegdrücken können. Aber sie darf uns eben auch nicht handlungsunfähig machen. Atem- oder Entspannungsübungen, hilfreiche Gedanken oder Ablenkung, aber auch die aktive Auseinandersetzung mit angstbesetzten Reizen, können hier helfen. Sie regulieren über Prozesse in der Großhirnrinde das Zusammenspiel zwischen unserem Angstzentrum und dem bewussten Denken. So können wir in den meisten Situationen der Angstreaktion etwas entgegensetzen, um sie abzumildern.

Sind mit der Angst auch die Hamsterkäufe zu erklären? Denn eigentlich ist ja nicht zu verstehen, warum sich die Menschen beispielsweise paketweise mit Klopapier eindecken?

Kräling: Über die psychologische Bedeutung des Klopapier-Hamsterns wurde ja schon viel diskutiert. Ich bezweifle, dass es zu dieser Frage eine eindeutige Antwort gibt. Berichte über den massenweisen Abverkauf von Klopapier schüren natürlich Ängste über die Verknappung dieser Ware. Das Horten von haltbaren Produkten stärkt bei den Menschen in einer sonst eher unkontrollierbaren Gesamtsituation das Gefühl von Sicherheit und kann helfen die eigene Angst zu reduzieren. Am wichtigsten ist aus meiner Sicht aber ein Nachahmer-Effekt: Niemand will der Letzte sein, der vor leeren Regalen steht und das Nachsehen hat.

Gewöhnt sich der Mensch an dauerhaft belastende Situationen?

Kräling: Berichte von Menschen, die in Krisengebieten leben, zeigen uns die Anpassungsfähigkeit der menschlichen Psyche: selbst unter den widrigsten Umständen stellen wir uns nach einer gewissen Zeit auf „die neue Realität“ ein. Dabei hilft es, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten aktiv zu werden, um sich nicht als Opfer der Umstände zu erleben. Die entscheidende Frage hierbei ist, ob man die aktuelle Situation als Bedrohung bewertet oder als Herausforderung, „das Beste draus zu machen“. 

Wird die Corona-Pandemie Einfluss auf die psychische Gesundheit der Menschen haben?

Kräling: Die aktuelle Krise stellt einen deutlichen Einschnitt in den Alltag aller dar. Die Welt befindet sich im Wandel. Vieles, das bisher „normal“ war - wie unsere umfangreiche Bewegungs- und Reisefreiheit - ist auf einmal nicht mehr möglich. Das muss etwas mit uns machen, alles andere fände ich aus psychologischer Sicht doch bedenklich. Manche Menschen, die vielleicht auch schon vorher an Depressionen oder Ängsten litten, werden sich mit der notwendigen Anpassung schwerer tun. Für andere relativiert sich in einer solchen Krise aber auch vieles: die kleinen Ärgernisse im Alltag, die uns bisher so oft den letzten Nerv rauben durften, treten in den Hintergrund. Dafür werden traditionelle Werte wie Gesundheit, Familie und Gemeinschaft wieder umso wichtiger.

Zur Person: Dr. Svenja Kräling

Dr. Svenja Kräling (38) ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Ihr Studium und die nachfolgenden Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin (VT) hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Seit 2009 ist sie in der Hainaer Klinik therapeutisch tätig.

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