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Coronavirus: Warum uns Entschleunigung so schwerfällt

Datum:
Fachbereich:
Fachbereichsübergreifend
Gesellschaft:
Vitos Haina gGmbH

Über allem steht das Ziel, die weitere Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Ein „reduziertes“ Leben mit so wenigen Kontakt zu anderen Menschen wie möglich ist die Folge. Doch das fällt vielen schwer. Warum uns diese Entschleunigung nicht so gut gelingt und welche Vorzüge ein achtsames Verhalten mit sich bringt, erklärt Dr. Svenja Kräling, leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina.

© Dingzeyu Li via Unsplash

Schnell, schnell, schnell. Noch vor wenigen Wochen haben viele Menschen die Schnelllebigkeit als belastend empfunden. Warum können wir die Corona-Entschleunigung nicht genießen?

Kräling: Es spielt sicher eine Rolle, dass es in der aktuellen Situation keine persönliche Entscheidung des Einzelnen ist, zu entschleunigen, sondern dass dies „von außen“ vorgegeben wurde. Durch Kontaktverbot, verstärkte Hygieneregeln und Schließung vieler Geschäfte haben wir kaum eine andere Wahl, außer mehr als nur „einen Gang runterzuschalten“.  Plötzlich stehen wir neben dem üblichen Hamsterrad und müssen uns erstmal neu orientieren. Für viele Menschen fühlt sich diese Situation auch nach mehreren Wochen Ausnahmezustand immer noch surreal an, wie in einem Film. Gibt man sich den Raum und die Zeit, sich auf die zwangsläufige Anpassung einzulassen, gelingt die Umstellung leichter. Dann können wir dem „Lockdown“ auch mehr positive Seiten abgewinnen und anfangen den Stillstand in manchen Aspekten zu genießen.

Achtsamkeitsbücher stehen seit Jahren in den Bestsellerlisten. Warum hat dieses Thema eine so große Relevanz bekommen?

Kräling: Das ursprünglich olympische Motto „Höher, schneller, weiter!“ treibt uns seit Jahrzehnten an - und immer mehr Menschen in den Burnout. Auch die Zunahme psychischer Erkrankungen steht in engem Zusammenhang mit übertriebener Selbstoptimierung und hohen Anforderungen von außen. Viele Menschen sind diesen Druck mittlerweile leid, sie sehnen sich nach einer Rückbesinnung auf das, was wirklich wichtig ist. Achtsamkeit ist dabei eine wichtige Strategie, zu entschleunigen und um wieder zur Ruhe zu kommen. Dieses Thema wird umso relevanter, je chaotischer unser Alltag ist. Kein Wunder also, dass die Menschen gerade in Corona-Zeiten wieder auf diese sehr alte Lehre zurückgreifen, um mehr Sicherheit und Ruhe finden können.

Jetzt ist Achtsamkeit gefragt. Und doch haben viele Menschen Probleme damit, achtsam zu sein. Warum ist das so?

Kräling: Achtsamkeit ist ein aufmerksamer Bewusstseinszustand, die Wahrnehmung ist dabei auf den gegenwärtigen Augenblick gerichtet ohne zu bewerten, was gerade geschieht. Das klingt erstmal kompliziert, bedeutet aber im Endeffekt einfach, sich auf das einzulassen, was jetzt gerade ist. Das Problem ist, dass wir uns lange Zeit genau das Gegenteil beigebracht haben, um möglichst „effizient“ zu sein. Wir wollen immer erreichbar sein, Multitasking ist Standard, in Gedanken sind wir schon einen Schritt weiter. Daher fällt es vielen Menschen schwer, sich wieder auf den aktuellen Moment zu reduzieren, auch aus Angst, etwas zu verpassen - fear of missing out, FOMO. Aber Achtsamkeit kann man lernen. Es braucht nur wie in vielen anderen Bereichen auch etwas Übung, um den unruhigen Geist - auch „monkey mind“ genannt - im Zaum zu halten.

Sich auf sich besinnen. Sich weniger von äußeren Einflüssen abhängen machen. Wie kann dies gelingen?

Kräling: Wie bei jeder Zielsetzung sollte man sich genau überlegen, was man in Denken oder Verhalten verändern möchte und welche Schwierigkeiten auf dem Weg zum Ziel aufkommen könnten. Möchte man weniger soziale Medien konsumieren, um sich nicht durch schlechte Nachrichten verunsichern zu lassen oder über Meditationsübungen mehr Selbstfürsorge betreiben? Um dranzubleiben ist es zudem wichtig, dem Ziel eine hohe Priorität zu geben und sich nicht ablenken zu lassen.

Doch manchmal ist gerade ein Impuls von außen wichtig, um den inneren Kompass neu zu stellen: Corona bringt unseren Alltag gerade ordentlich durcheinander. Da werden Kleinigkeiten wie der kräftezehrende Nachbarschaftsstreit oder der Frust über unaufgeräumte Kinderzimmer plötzlich irrelevant. An ihre Stelle treten häufig Demut und Dankbarkeit zum Beispiel für unser deutsches Gesundheitssystem oder den sicheren Arbeitsplatz. Gerade das bewusste Innehalten und Wertschätzen trägt enorm zur Besinnung bei.

Zur Person: Dr. Svenja Kräling

Dr. Svenja Kräling (38) ist leitende Psychologin in der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Ihr Studium und die nachfolgenden Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin (VT) hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Seit 2009 ist sie in der Hainaer Klinik therapeutisch tätig.

 

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