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„Wenn ich zocke, fühle ich mich wie Gott!“ - Vitos Übergangseinrichtung Hasselborn veranstaltet Fachtag zum Thema "Mediensucht"

Datum:
Fachbereich:
Begleitende psychiatrische Dienste
Gesellschaft:
Vitos Hochtaunus gGmbH

Sind Medien die neue „Einstiegsdroge“ für unsere Kinder und was macht Onlinespiele und soziale Medien überhaupt so attraktiv, dass eine Suchtgefahr von ihnen ausgeht? Wo fängt ungesundes Medienverhalten an und wo hört es auf? Diesen und vielen weiteren Fragen widmeten sich die Referenten und Besucher des Fachtages „Mediensucht“, zu dem die Vitos Übergangseinrichtung Hasselborn anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens geladen hatte.

Etwa 60 Besucher kamen zum Fachtag Mediensucht der Vitos Übergangseinrichtung Hasselborn.

Dass das Thema hochaktuell ist, zeigte die große Besucherzahl, die der Einladung am letzten Donnerstag, den 5. September, gefolgt war. Etwa 60 Gäste aus Jugend- und Drogenberatungsstellen, Schulen, Kliniken und Gesundheitsbehörden diskutierten auf Grundlage der Vorträge von Frank Wagner und Natalie Depalma, Sozialpädagogen in der Vitos Übergangseinrichtung Hasselborn,  und Diplom-Sozialarbeiter und Vorstandsvorsitzender im Fachverband Medienabhängigkeit e.V. Andreas Gohlke, Diagnosekriterien, Vorsorgestrategien und mögliche Therapieansätze.

Depalma und Wagner, die in der Übergangseinrichtung seit mehr als 20 Jahren mit Menschen arbeiten, die nach der Drogenentgiftung ihren Weg zurück in ein „normales“ Leben schaffen wollen, berichteten, dass immer mehr drogen- oder alkoholabhängige Menschen, gleichzeitig ein riskantes Medienkonsumverhalten zeigten. „Sehr viele Klienten haben jahrelang exzessiv gezockt, bevor sie überhaupt zu uns kamen“, berichtet Depalma. Sie stellten die These auf, dass übersteigerter Medienkonsum in Zusammenhang mit späteren stofflichen Süchten stehen kann. Besonders deutlich werde das Problem, wenn man sehe, dass Klienten, die gezwungenermaßen auf ihre Spielkonsole oder ihr Handy verzichten müssten, Symptome wie bei einem Drogenentzug zeigten.

„Einsamkeit und Langeweile sind die wichtigsten Themen unserer Gesellschaft und damit auch die Hauptgründe für seelische und körperliche Probleme“, sagt Frank Wagner.  Onlinespiele und soziale Netzwerke lösen diese Probleme scheinbar, aber nicht nachhaltig. „Glück bedeutet auch Anstrengung“, ist sich Wagner sicher, und die schnellen Glücksgefühle, die Medien auslösen, machen auf Dauer unglücklich.

Mit den Gefühlen, die besonders Onlinespiele auslösen können, beschäftigte sich Andreas Gohlke in seinem Vortrag. „Wenn ich zocke, fühle ich mich wie Gott“ – ein Zitat eines Betroffenen, macht deutlich, warum Computerspiele  für sehr viele Menschen so attraktiv sind. „Virtuelle Handlungen erzeugen reale Gefühle“, sagt Gohlke, und fasst damit zusammen, wie eng die digitale Welt und der analoge Mensch miteinander verbunden sind.

Doch längst nicht alle leidenschaftlichen Computerspieler oder Handynutzer geraten in eine Sucht. „Medien sind natürlich nicht grundsätzlich schlecht, laden aber zu Abhängigkeit ein“, stellt Gohlke klar. Ab wann spricht man nun aber von einer Mediensucht, einer gaming disorder, wie es im ICD 11 heißt? Bei dieser Frage waren sich auch die versammelten Experten nicht ganz einig.

Andreas Gohlke wies darauf hin, dass die im ICD beschriebenen Diagnosekriterien zwar schon sehr differenziert seien, seiner Meinung nach aber noch nicht ausreichten, um eine Mediensucht zu diagnostizieren.  Es müsse immer auch der Kontext, die Lebenssituation des Betroffenen einbezogen werden.

Einig waren sich Besucher und Fachreferenten am Ende des Tages, dass es einen großen  Handlungsbedarf gibt und dass sich das Problem in Zukunft eher verstärken als lösen wird.

Pressemitteilung als PDF zum Download

 

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