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Neue Standorte, wachsende Therapieangebote und wie die Entwicklung der Psychiatrie weitergeht – Vitos Rheingau zieht Resümee und blickt in die Zukunft

Datum:
Gesellschaft:
Vitos Rheingau gGmbH

Genau ein Jahr ist es her, dass Prof. Dr. Dieter F. Braus als Klinikdirektor der Vitos Klinik Eichberg und als Ärztlicher Direktor des Vitos Klinikums Rheingau die Leitung übernahm. Im Interview erläutert er, was in den vergangenen zwölf Monaten passiert ist, wie es weitergeht und welche Rolle die Corona-Pandemie nach wie vor spielt.

Prof. Braus, vor einem Jahr haben Sie offiziell das Amt des Klinikdirektors der Vitos Klinik Eichberg und gleichzeitig des Ärztlichen Direktors des Vitos Klinikums Rheingau bei Vitos Rheingau übernommen. Werfen wir einen Blick zurück – was haben Sie in den letzten zwölf Monaten bewegt? 

Wenn ich das vergangene Jahr beschreiben möchte, so kommen mir vier Begriffe in den Sinn: Restaurieren, Renovieren, Bauen und Neues initiieren.

So haben wir innerhalb der letzten zwölf Monate zwei neue Standorte, mit insgesamt 1.400 Quadratmeter angemietet und gekauft und ganz wichtig, auch in Betrieb genommen. Das bedeutete in kürzester Zeit Konzepte zu erstellen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu akquirieren und die ersten Patientinnen und Patienten dort zu empfangen. Hier haben die Teams Enormes geleistet, wofür ich sehr dankbar bin.

Ein weiteres wichtiges Projekt, welches im letzten Jahr ebenfalls an Schwung gewonnen hat, ist das Neubauprojekt der Erwachsenenpsychiatrie, mit dem wir uns heute kurz vor der Bauantragsstellung befinden. Meine Stellvertreterin, Dr. Julia Reiff und die Pflegedirektorin, Ljiljana Orlic haben auch hierbei sehr stark unterstützt.

Hinzu kommen die Verbesserung interner Strukturen und Prozesse, wie Arbeitslisten, die Überarbeitung des Krankenhausinformationssystems, die Einrichtung von E-Ladesäulen und vieles mehr.

Warum war der Wechsel zu Vitos der richtige Schritt?

Vitos ist der größte Leistungsanbieter für Psychiatrie in Hessen und hat Zukunftsvisionen wie z.B. den Ausbau ambulanter Strukturen oder E-Mental Health. Meine eigenen Ideen fanden somit einen „fruchtbaren Boden“. Dies ist sicher für jemanden, der seit Jahren sich eher als ein „Gestalter“ denn ein „Verwalter“ erlebt, sehr relevant und inspirierend. Und wenn ein Unternehmen auch die eigenen Werte wie z.B. Wertschätzung, Verlässlichkeit oder Verbindlichkeit im Alltag lebt, dann kann es nur einen solchen Schritt geben.

Mit der Eröffnung der neuen Standorte in Eltville und Biebrich zeigt sich ein Trend – weg von stationär hin zu ambulant, der Behandlung Zuhause (BZH) und teilstationär. Wie kommt dies zustande und welche Entwicklung wird dieser Trend noch nehmen?

Der weltweite Trend in der Psychiatrie geht zu einer personalisierten Therapiebehandlung. Wir verstehen die/den Patientin/ Patienten als Individuum mit eigenem sozialen Kontext. Wir haben festgestellt, dass wir im teilstationären und ambulanten Bereich oder auch zuhause einen Teil der Patientinnen und Patienten viel besser, als auf einer Station behandeln können. Stationäre Aufenthalte können auch für 20-25% der Patientinnen und Patienten traumatisierend sein – das gilt auch für die sogenannten somatischen Fächer. Gerade für diese Patientinnen und Patienten ist die Therapie in anderer Form sehr viel erfolgversprechender. Es macht daher Sinn, die stationären Aufenthalte auf wirklich das Notwendige zu reduzieren. Und dieser Trend wird so weitergehen. Ausnahme bleiben weiter schwer kranke, multimorbide und oft auch unfreiwillig zu behandelnde Patientinnen und Patienten, diese brauchen das Krankenhaus als Ort, oder auch solche mit schwierigen Lebensbedingungen als Schutzraum. Auch schwere Suchterkrankungen oder schwere Suizidgefährdung lassen sich nicht zuhause behandeln.

Welche neuen Behandlungsmethoden haben Sie implementiert?

Wir haben in den letzten zwölf Monaten die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) implementiert, ein hochwirksames Stimulationsverfahren, welches bei Patientinnen und Patienten angewendet wird, die unter schweren psychischen Störungen leiden. Durch die EKT werden hirneigene „Heilungsprozesse“ angeregt.

Zudem setzen wir neu die Lichttherapie in der dunklen Jahreszeit (von November – April) ein. Bei dieser Therapie werden Patientinnen und Patienten unter medizinische zugelassenen 10.000 Lux-Leuchten gesetzt. Sie können dabei lesen, Tee trinken, sich mit anderen Betroffenen unterhalten. Die morgendliche Behandlung dauert 30 Minuten. Empfohlen wird die Lichttherapie insbesondere bei saisonalen Depressionsformen und zur Synchronisierung des Tag-Nacht-Rhythmus. 

Neben diesen Therapieformen haben wir auch den therapeutischen Spaziergang wieder implementiert und um die therapeutische „Schnitzeljagd“ erweitert. Einer der wirksamsten Therapiebausteine für alle psychischen Störungen, angefangen von Angst- und Zwangsstörungen bis hin zur Psychose. Die Lage unserer Klinik im Rheingau bietet zudem die besten Voraussetzungen: direkt am Wald und von Weinbergen umgeben, erhalten die Patientinnen und Patienten nicht nur Bewegung, sondern auch noch Naturerfahrung.

Aber auch im Kreativbereich haben wir wichtige Therapiebausteine aufgenommen, darunter das neue Projekt „Kunsttherapie 2.0“, die wir erfolgreich auch in unseren neuen Standorten umsetzen und die Theatertherapie, als anerkannte Form und sehr beliebt im Bereich der Gerontotherapie. Patientinnen und Patienten lernen dabei soziale Interaktion und Emotionen anders zu zeigen. 

Was hat sich im Bereich der Aus - und Weiterbildung bei Vitos Rheingau im letzten Jahr getan?

Neben der jährlichen Premiumfortbildung „Psychiatrie-Update“ und Psychiatrie-Live als digitales Format haben wir die Ausbildung der Psychologen neu strukturiert und die erste Medizin-Famulantin hier auf dem Eichberg wieder begrüßt. Seit letztem Jahr sind wir Lehrklinikum und damit Kooperationspartner der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Außerdem haben wir intern die sogenannten Mittwochsfortbildungen eingeführt und fördern den Austausch zwischen allen Vitos Standorten in unseren digitalen Klinikkonferenzen, die zweimal in der Woche stattfinden. Die Homepage wurde deutlich verbessert.

Was haben Sie im Bereich der Diagnostik vorangetrieben?

Ein wichtiger Bereich ist die diagnostische Neuropsychologie, welche wir in den vergangenen zwölf Monaten etabliert und standardisiert haben. Ebenso die Schlaf- und Liquoruntersuchung.

Im Bereich der bildgebenden Diagnostik haben wir ein spezielles Auswerteverfahren, die sogenannte Voxelbasierte Morphometrie (VBM) eingeführt. Gemeinsam mit dem St. Josefs-Hospital Rheingau in Rüdesheim, bieten wir dieses als einzige Klinik im Rhein-Main-Gebiet an. Damit haben wir die Kernspindiagnostik auf ein überregionales Niveau gehoben.

Vielleicht können Sie erklären, wieso die Kernspindiagnostik im Bereich der Psychiatrie so relevant ist?

Alle psychischen Störungen sind Erkrankungen der Hirnfunktionen, die natürlich an der Hirnmikrostruktur hängen. Weltweit arbeiten Initiativen mit großen Datenmengen daran, psychische Störungen mit mikrostrukturellen Abweichungen zu korrelieren. Die Kernspindiagnostik ermöglicht es uns, solche mikrostrukturellen Abweichungen beim einzelnen Patienten/der einzelnen Patientin zu erheben. Dadurch erhalten wir eine zusätzliche Information über die Schwere der Erkrankung.

Vor einem Jahr Corona und auch in diesem Jahr Corona, wie hat die Pandemie das vergangene Jahr beeinflusst?

Die Corona-Pandemie überschattet erheblich dieses erste Jahr, denn alles ist durch die Pandemie extrem erschwert worden. So konnten wir beispielsweise keine Gemeinschaftsaktivitäten zur Mitarbeiterbindung und Teambildung stattfinden lassen. Die Mehrzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kenne ich nur mit Maske. Neben den sozialen Faktoren kommt auch hinzu, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach mehr als zwei Jahren Pandemie am Ende ihrer Kräfte sind. Im Grunde hat diese Pandemie uns alle enorm viel Energie gekostet.

Im Bereich neuer Therapieformen spüren wir zudem auch die pandemiebedingten Lieferschwierigkeiten. Schon längst wollten wir sogenannte Virtual Reality Brillen einsetzen, mit denen wir vor allem Angsterkrankungen, wie Flugangst, Höhenangst und auch Phobien behandeln werden. Doch noch heute warten wir auf die Brillen. Anvisiert ist die Lieferung nun für den Mai.

Worum geht es in den nächsten zwölf Monaten?

Es geht - die internen Strukturen und Prozesse betreffend - weiterhin um Verkürzen, Vereinfachen und Vereinheitlichen. Zum Beispiel durch das Projekt KIS NEXUS NG (Next Generation) sowie Spracherkennung. Es geht um das Konsolidieren der neuen Standorte. Zudem sind wir mit Vitos Rheingau als Pilothaus bei der Einführung einer digitalen Patientenplattform maßgeblich beteiligt. Und grundsätzlich wollen wir den Ausbau unseres E-Mental-Health- Bereichs weiter vorantreiben.

Mir persönlich ist es auch ein wichtiges Anliegen, weiterhin Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden und zu binden und ihnen gute, auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ihre Lebensentwürfe zugeschnittene, individuelle Arbeitsbedingungen zu bieten. Mittlerweile haben wir fast 70 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem ärztlichen, therapeutischen und pflegerischen Bereich im letzten Jahr gewonnen und von denen sind alle noch hier. Das zeigt nur einmal mehr, wie wichtig das Thema Mitarbeitergewinnung, -entwicklung und – bindung, gerade auch in Anbetracht der anstehenden Projekte und des Fachkräftemangels, ist.

Mein herzlicher Dank gilt allen, die uns in der Klinikleitung in diesem ersten Jahr unterstützt haben und ohne die eine Realisierung alles bisher Erreichten nicht möglich gewesen wäre.

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